[Wintersport: "Warum muss ich Ski fahren, Mama?" | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/2024/55/wintersport-skifahren-tirol-tochter-tradition/komplettansicht) 

 Die Frage kommt unvermittelt, vom Rücksitz aus, an einer roten Ampel. Wie jeden Montag hole ich meine Tochter vom Training im Turnverein ab. Als wir gerade zum Stehen kommen, bricht es plötzlich aus ihr heraus: "Warum muss ich Ski fahren, Mama?" Ich schlucke, ringe nach einem triftigen Grund. Und antworte: "Na ja, als Tiroler muss man Ski fahren."

"Es macht mir aber keinen Spaß", sagt meine Tochter. "Ich tanze und turne lieber." Ich drehe nervös an meinem Ohrring, wie so oft, wenn mir die Worte fehlen. Ich betrachte im Rückspiegel ihr Gesicht: Eine furchtlose Achtjährige mit braunen Augen, zartem Gesicht und Pferdeschwanz sieht mir entgegen. Warum soll sie Ski fahren müssen? Warum soll irgendein Tiroler Kind Ski fahren müssen? Profitieren von den verpflichtenden Skikursen in Schulen eigentlich die Kinder oder eher die Tiroler Touristiker?

Eine zufriedenstellende Antwort habe ich auf die Schnelle keine, aber ein Gefühl von Stolz breitet sich aus. Stolz auf ihren Mut, ihr Selbstbewusstsein und ihre Kritikfähigkeit – Eigenschaften, die ich als bald Vierzigjährige heute noch immer nicht in jeder Situation aufbringen kann. Ich hebe meine Mundwinkel und strahle meine Tochter an: "Wir werden eine Lösung finden!" Ich muss Zeit gewinnen. Denn das hier wird kompliziert.

Als Tirolerin oder Tiroler nicht Ski zu fahren, das ist eigentlich keine Option. Undenkbar. Am Wochenende wird früh aufgestanden, um möglichst als Erster die Piste hinunterzuwedeln. Das gehört sich für einen Tiroler so. Mit dem Aufstieg des Wintersporttourismus um 1950 wurde der Skisport mehr und mehr ein Symbol für die Region, ein Teil der kulturellen Identität und ein Lebensgefühl. Was übrigens auch erklärt, warum man auf den Pisten so wenige Familien mit Migrationshintergrund sieht – die Tradition, die in [Tirol](https://www.zeit.de/thema/tirol) von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist bei ihnen noch nicht so tief verwurzelt.

Wir hingegen sind aufgewachsen mit sonntäglichen Skirennen oder Skispringen im Fernsehen, mit Karl Schranz und [Toni Sailer](https://www.zeit.de/thema/toni-sailer), die noch immer als Nationalhelden gefeiert werden (Letzterer sogar trotz Missbrauchsskandal). Und mit dem Lied von Wolfgang Ambros, den ich in meinem Kopf singen höre: "Weil Schifoan is des Leiwaundste, wos ma si nur vurstellen kann."

Nur kann ich mir, wie andere Tirolerinnen und Tiroler auch, Schöneres vorstellen, als Ski zu fahren, lieber Herr Ambros.

Ja, richtig gelesen: Ich und meine [Familie](https://www.zeit.de/familie/index) sind eine Ausnahme. Andersdenkende, Exoten, Außenseiter, wenn man so will. Das macht unser Leben nicht einfacher, in unserer Gemeinde im Tiroler Oberland, wo Tradition großgeschrieben wird wie in vielen ländlichen Gebieten Tirols. So groß, dass ich in gesellschaftlichen Runden nur ungern mit der Wahrheit herausrücke. Dass ich nämlich unserem Nationalsport nicht nachgehe, geschweige denn auch nur ein Paar Ski besitze. Erst neulich fragte mich jemand, in welches Skigebiet wir meistens fahren. Als ich antwortete, dass wir gar nicht Ski fahren gehen, erntete ich einen fragenden Blick. "Was? Echt nicht?" Dass es Menschen wie uns in Tirol geben könnte, schien mein Gegenüber nie in Betracht gezogen zu haben.

Eine Identitätskrise löst das Gespräch in mir nicht aus, dafür bin ich zu alt, zu gefestigt. Aber wie wird es meiner Achtjährigen gehen, wenn sie das Gefühl bekommt, keine "echte" Tirolerin zu sein – nur weil sie lieber tanzt und singt, statt Ski zu fahren?

Als ich in ihrem Alter war, hatte ich den Einstieg in die Welt des Skifahrens schon hinter mir. Es war traumatisch. So einige Skikarrieren beginnen mit blauen Flecken, schmerzenden Füßen und Enttäuschung. Auch meine. Mit neun Jahren schickten mich meine Eltern in einen Skikurs in den Ort Gnadenwald, keine halbe Autostunde entfernt von Innsbruck. Ich war mit Abstand das älteste Kind dort – und das ängstlichste. Die meisten anderen Kinder waren sechs, einige erst vier Jahre alt. Sie lachten, tuschelten und sagten: "Was? Du kannst noch nicht Ski fahren, obwohl du schon neun bist?" Ich fühlte mich fehl am Platz. Der Schnee, die Kälte, die zwei Bretter an den Füßen: Das war nicht meine Welt. Am Ende der Woche gewann ich sogar das Skirennen, aber gut fühlte ich mich nicht.

Wenn es nicht schmeckt, darf ausgespuckt werden
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In der zweiten Klasse in einem Innsbrucker Gymnasium fuhren wir ins Skilager – meine zweite Erfahrung auf Brettern. Gleich am ersten Tag die Königsdisziplin: der Schlepplift. Ich schaffte es nicht rechtzeitig, den Bügel rauszuziehen und donnerte mit Vollgas gegen eine Holzmauer, die sich am Ende des Lifts befand. Der Aufprall schleuderte mich hinter die Mauer in den Schnee, nur haarscharf an einem aufgerollten Stacheldrahtzaun vorbei. Die restliche Woche fuhr ich mit einer geschwollenen Lippe und einer noch größeren Portion Angst im Nacken die Piste hinunter. Und hoffte, dass ich irgendwie ohne gebrochene Knochen unten ankomme.

Meinem Sohn und meiner Tochter wollte ich das kindliche Ski-Trauma, das sich auch auf andere schnelle Sportarten ausbreitete, nie übertragen – ich habe ihnen nie von meinen Erlebnissen erzählt. Als kleine Kinder nahmen sie an Skikursen teil und wenn sie mir nach einem Rennen ihre Medaillen zeigten, nahm ich sie fest in die Arme. Wenn meine Tochter, obwohl erst drei Jahre jung, das Klettergerüst hochstieg, feuerte ich sie an. Und wenn mein Sohn auf dem Fahrrad mit rasantem Tempo den steilen Hang hinunterraste, jubelte ich, trotz feuchter Hände und erhöhtem Herzschlag.

Aber noch einmal auf die Piste, ich? Nein. Achtundzwanzig Jahre lang habe ich jetzt schon nicht mehr auf Skiern gestanden, und ich habe es auch nicht mehr vor. Ich bin nicht unsportlich, mindestens zweimal pro Woche rolle ich meine Yogamatte aus, ich tanze jeden Dienstagabend, ich gehe wandern und eislaufen. Aber mit hoher Geschwindigkeit über schneebedeckte Pisten zu wedeln, das klingt für mich nicht nach Romantik, sondern nach dem schnellsten Weg ins Krankenhaus. Wie gefährlich Skifahren in Wahrheit ist, zeigt ein Blick in die österreichische Bergunfallstatistik: In der Wintersaison 2023/24 gab es in Tirol, wie auch in den vergangenen Saisonen, die meisten Alpinunfälle auf Pisten und Skirouten (45 Prozent der Unfälle, 29 Prozent der Toten) in ganz Österreich. Dazu kommen noch die ökologischen und ökonomischen Gründe, die gegen das Skifahren sprechen. Kurz gesagt: Der Schnee schwindet, die Kosten steigen. Eine vierköpfige Familie bezahlt beispielsweise für eine Liftkarte in Serfaus 236 Euro, für die Mietgebühr des Equipments (Skier, Skischuhe) kommt man auf 470 Euro.

Meine Tochter lässt inzwischen ihre Playmobil-Figuren zwischen Balken und Matten turnen, sie schlagen Räder und machen Saltos in der Luft. Ich setze mich zwischen sie und ihre fiktive Spielwelt: "Warum möchtest du nicht Ski fahren gehen?" Ganz selbstbewusst blickt sie von ihren Plastik-Akrobatinnen hoch und antwortet ganz nüchtern: "Mama, Skifahren interessiert mich einfach nicht." Sie weiß eben, was sie mag – und was nicht. So war es schon immer. Weil sie gern singt, haben mein Mann und ich sie vor einiger Zeit zu einem Gesangskurs in der Landesmusikschule angemeldet. Ein Jahr lang mussten wir auf einen freien Platz warten, bis wir endlich einen Termin für ein Vorsingen bekamen. Meine Tochter sang nicht. Als wir wieder zu Hause waren, erklärte sie mir, dass sie keinen Gesangskurs besuchen will. Botschaft angekommen.

In diesem Fall liegen die Umstände jedoch anders: Singen muss sie als Tirolerin nicht können. Ski fahren irgendwie schon.

Verzweifelt tippe ich "Mein Kind mag nicht Ski fahren" in eine Suchmaschine und scrolle durch die Ergebnisse: "Das Problem hatten wir letztes Jahr auch. Ich habe mein Kind dann bestochen. Es durfte sich eine Kleinigkeit von Playmobil aussuchen", lautet ein Ratschlag. "Ich konnte es auch nicht, aber habe es dann im Skilager gelernt. Ich hasse es trotzdem und würde es nicht erneut machen. So soll man auf die Sache schauen", schreibt ein anderer. Und noch einer: "Skifahren ist jetzt nicht essenziell, aber Schwimmen müssen die Kinder lernen."

Das stimmt, es gibt Sportarten, die Kinder wirklich lernen sollten: Schwimmen gehört dazu, weil es lebensnotwendig ist. Skifahren definitiv nicht. Und Bestechen halte ich für eine zu drastische Maßnahme. Das Internet hilft mir also nicht aus der Bredouille. So wie ich es sehe, habe ich zwei Optionen in meinem Ski-Dilemma: zwingen – oder lügen. Entweder, ich füge mich dem Tiroler Zwang und schicke sie zum verpflichtenden Skikurs. Oder sie kann "aus gesundheitlichen Gründen" nicht teilnehmen (mit ärztlicher Bestätigung, versteht sich). Auf die Gefahr hin, dass sie nicht Teil dieses sozialen Erlebnisses wird, über das wahrscheinlich noch Wochen später in der Klasse gesprochen wird. Aber muss es immer nur Schwarz oder Weiß sein?

Meine Entscheidung fällt auf einen mittleren Grauton. Eine Art Zwischenlösung. Meine Tochter wird zum Skikurs gehen. Und ich halte es so wie mit dem Einführen neuer Gerichte, als sie ein Kleinkind war. Einmal wird probiert. Wenn es nicht schmeckt, darf ausgespuckt werden. Wenn ihr der erste Tag in der Skiwoche nicht gefällt, lassen wir es sein. Und ich werde neben der Piste auf meine Tochter warten. Ohne Ski.