[Friedensdorf International: Letzte Rettung Oberhausen | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/2024/55/friedensdorf-international-kinder-kriegsgebiete-medizin/komplettansicht) 

 Im Ruhrgebiet gibt es ein Dorf, in dem ferne Krisen dieser Welt ganz nah rücken. Sie verbinden sich hier mit menschlichen Gesichtern, viele von ihnen vernarbt, verbrannt, verletzt. Es sind Gesichter von Kindern. Sie sind nicht mal Teenager, haben aber bereits Schlimmstes erlebt in ihren Heimatländern. Doch ein trauriger Ort ist das hier nicht. Eher einer, der Hoffnung macht.

Da ist zum Beispiel Abdul, gerade aus Afghanistan angekommen. Er hat keine Hände mehr, aber einen unglaublichen Mut. Da ist Claudia Peppmüller, die mit ihrer rauen Ruhrpottstimme alle duzt und immer sieht, wer gerade eine Umarmung braucht. Und überhaupt: Da ist die Lebensfreude dieser ganzen schicksalhaften Großfamilie auf Zeit.

Gerade ist Mittagspause. An sechs langen Tischen sitzen etwa 80 Jungs im Speisesaal vor ihren Tellern und warten darauf, dass sie in ihr Pizzastück beißen dürfen. Zweite Runde, eben waren die Mädchen dran. Der Alltag verläuft getrennt, aus Respekt vor den kulturellen und religiösen Gewohnheiten der Kinder. Sind alle versorgt? Die Erzieher geben ein Signal, und die Jungs fassen sich an den Händen. Einer sagt den Tischspruch auf: "Eins, zwei, drei – Frieden!" Laut hallt es durch den Raum: "Frieden!" und "Guten Appetit!".

Die Kinder hauen rein, sodass der Koch nachbacken muss und am Ende mit Schweiß auf der Stirn auf 60 Bleche kommt. Viele von ihnen sind vor nicht einmal drei Wochen mit einem Charterflug aus Kabul gekommen. Das erste Mal weg von zu Hause, getrennt von den Eltern, das erste Mal in einem westlichen Land. Oft auch das erste Mal Frieden – und genug zu essen. Am Anfang waren sie unsicher, haben Nahrungsmittel unterm Kissen gehortet, den Müll durchwühlt oder neben die Toilette gemacht. Doch jetzt sitzen sie zusammen, als hätten sie es schon immer getan. Sie reden in vielen Sprachen, lachen und bleiben an ihren Plätzen, bis alle satt und die Tische abgewischt sind.

Erst als die Jungs aufstehen, fällt auf, wie versehrt sie sind. Viele humpeln oder tragen massive Schuherhöhungen, weil ihre Beine ungleich lang sind. Im ganzen Raum ertönt das stumpfe Klacken von Krücken, das Quietschen von Rollstühlen. "Hallo!", rufen sie fröhlich, als sie Claudia Peppmüller sehen. Manche bleiben stehen, einmal kurz abklatschen, sich drücken lassen.

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Abdul (Name geändert) ist bereits zum zweiten Mal im Friedensdorf in Oberhausen, um sich operieren zu lassen. Bei einem Anschlag in Afghanistan hat er beide Hände verloren. © Maximilian Mann für DIE ZEIT

Für die Kinder ist Peppmüller meist die erste Person, die sie mit dem Friedensdorf verbinden. Die Sozialarbeiterin ist fast immer dabei, wenn ein Team der Hilfsorganisation nach Afghanistan, Afrika oder Zentralasien fliegt, um Kinder für eine lebensrettende Behandlung in Deutschland auszuwählen. Manche Eltern reisen eine Woche mit ihren schwer kranken Kindern aus entlegenen Regionen an, um sie vorzustellen. Es sind immer viel zu viele. Während die Ärzte entscheiden, welche Kinder auf die Liste kommen, baut Peppmüller eine Beziehung zu den Familien auf. Es falle ihnen schwer, ihre Söhne und Töchter gehen zu lassen, sagt sie. Doch eine andere Chance auf Heilung haben sie nicht.

Gegründet wurde das [Friedensdorf](https://friedensdorf.de/) 1967 als Bürgerinitiative, um Kindern aus dem Nahen Osten und Israel zu helfen. Doch der Krieg war damals nach sechs Tagen beendet. Die ersten Kinder, die wirklich in Oberhausen behandelt wurden, kamen wenige Monate später aus Vietnam mit Napalmverbrennungen und anderen Kriegsverletzungen.

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Die Sozialarbeiterin Claudia Peppmüller tröstet ein Kind. Auch die Kleinsten müssen während der Behandlung ohne ihre Eltern auskommen. © Maximilian Mann für DIE ZEIT

Auch heute trifft man im Dorf keine Kinder aus Gaza. Peppmüller erzählt, sie sei zwar ständig im Austausch mit einer Partnerorganisation, doch die entscheidenden Stellen wollten verletzte Kinder nur in Begleitung Erwachsener herauslassen. Für das Friedensdorf ein No-Go, weil es garantieren muss, dass niemand nach Deutschland kommt, der Asyl beantragen könnte. Fünf Jahre lang müsste die Organisation sonst für sämtliche Lebenshaltungskosten aufkommen. "Das würde uns ruinieren und die Hilfe für andere Länder gefährden", sagt Peppmüller.

Im Friedensdorf geht es um Heilung, nicht um das Erlebte
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Die Sonne kommt raus und schon ist der Fußballplatz im Friedensdorf voll. Die Jungs kicken auch mit Krücken und Schuherhöhungen. Von ihren Einschränkungen lassen sie sich nicht abhalten. © Maximilian Mann für DIE ZEIT

Um die 300 Kinder werden im Friedensdorf in Oberhausen pro Jahr medizinisch versorgt. Die meisten stammen aus Krisenregionen, die öffentlich kaum mehr wahrgenommen werden, weil die kriegerischen Auseinandersetzungen dort beendet sind. Die gesundheitliche Lage der Menschen bleibt in diesen Ländern jedoch oft katastrophal. Einfache häusliche Unfälle können dann lebensbedrohlich werden. Aus Afghanistan, so erzählen es die Friedensdorf-Mitarbeiterinnen, kommen Kinder mit unversorgten Verletzungen, die bei uns längst auf einer Intensivstation lägen. Hiesige Ärzte behandeln ihre Knochenentzündungen, Verbrennungen und angeborenen Fehlstellungen kostenlos. Danach bleiben die Kinder zur Reha in Oberhausen, manche ein paar Monate, manche ein Jahr und länger. Finanziert wird das alles nahezu ausschließlich durch Spenden.

An diesem regnerischen Novembertag treibt ein Erzieher die Jungs nach dem Mittagessen an, in die Häuser rund um den Dorfplatz zu gehen. In Gemeinschaftszimmern können sie kickern oder einen Zeichentrickfilm anschauen, bevor sie abends in einfache Stockbettzimmer verschwinden. "Rein jetzt, ihr erkältet euch!" Doch Abdul, der in Wirklichkeit anders heißt, schlendert mit ein paar anderen noch ein Stückchen weiter am medizinischen Zentrum vorbei Richtung Lernhaus. Krank werden wäre jetzt wirklich schlecht, denn er steht für morgen auf dem OP-Plan. Laut seinem Ausweis ist Abdul zwölf Jahre alt, er wirkt aber älter. In seiner afghanischen Heimatstadt Dschalalabad wurde er vor einigen Jahren bei einem Anschlag auf eine Moschee schwer verletzt. Ein Sprengsatz zerfetzte ihm beide Hände und zerstörte sein linkes Auge.

Vor zwei Jahren war Abdul schon einmal im Friedensdorf. Deutsche Ärzte operierten ihn mit der sogenannten Krukenberg-Technik und teilten den Stumpf seines rechten Unterarms in eine Art Schere auf. Was er damit alles kann, ist beim Würfelspiel im Lernhaus zu beobachten. Er hält den Becher, sammelt die Würfel einzeln wieder ein, nimmt den Bleistift und notiert das Ergebnis. "Toll, wie du schreibst", sagt die Erzieherin. Hinter ihr im Regal stehen Bücher, Rechenspiele, ein Globus. Man sieht: Hier wird zusammen gelernt, auch wenn kein regulärer Schulunterricht stattfindet. Abduls Deutschbrocken reichen aus, um zu erzählen, dass er in Afghanistan in die achte Klasse geht und der beste Schüler ist. Sein Lieblingsfach sei Mathe, vielleicht werde er mal Lehrer. Mit der neuen Hand kann er sich allein anziehen, Fahrradfahren, und – ganz wichtig – ein Smartphone bedienen.

> Alle hier wissen, was es bedeutet, krank zu sein.

Claudia Peppmüller arbeitet seit 30 Jahren für Friedensdorf International.

Nach jedem Wurf verschränkt Abdul seine Arme vor der schwarz-weißen Trainingsjacke, als wolle er seine Scherenhand und den Stumpf verbergen. Vor den Kindern am Tisch scheint das nicht nötig zu sein. Einem anderen Jungen fehlen Teile der Finger. Doch viel interessanter ist, wie blitzschnell der Neue die Würfelsummen errechnet und wie gut er auf Deutsch und Englisch zählt. Mit Hänseleien hätten sie keine Probleme, sagt Claudia Peppmüller: "Alle hier wissen viel zu genau, was es bedeutet, krank oder verletzt zu sein."

Am Ende kommt es zum Duell: Wer würfelt schneller zwei Sechsen? Die Jungs sind ganz in diesem Moment, sie stöhnen auf, feuern an, jubeln. Was sie wohl alles erlebt haben? Bei manchen wissen die Mitarbeitenden das recht genau, weil die Kinder von sich aus erzählen, bei anderen wissen sie fast nichts. Die Erwachsenen fragen meist nicht nach. Im Friedensdorf in Oberhausen geht es nicht darum, Vergangenes aufzuarbeiten. Es geht um medizinische Hilfe, um eine erfolgreiche Heilung, darum, eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Die Kinder sollen auch nicht integriert werden, sie sollen in ihre Heimat zurückkehren und dort selbstständig leben können.

Während ihres Aufenthalts im Friedensdorf haben die Mädchen und Jungen keinen Kontakt zu ihren Familien. Die Trennung wäre nur immer wieder aufs Neue schmerzhaft. Auch die Kleinsten müssen monatelang ohne Eltern auskommen. Sie haben einen extra Bereich – gerade essen dort etwa 20 Kinder unter fünf Jahren zu Abend. Im Hochstuhl sitzt ein einjähriges Mädchen mit einer lebensgefährlichen Knochenentzündung. In diesem Alter nimmt die Hilfsorganisation Kinder nur mit, wenn es wirklich um Leben oder Tod geht. Manchen sieht man die Schwere ihrer Erkrankung an, weil ihr Gesicht entstellt ist. Doch man merkt sie ihnen nicht an. "Wie Schnee", sagt ein Kleinkind mit Blick auf den Frischkäse. "In Afghanistan viel Schnee", ein anderes. "Angola kein Schnee", sagt ein drittes. So tauschen sich die ganz Kleinen schon über ihre Heimat aus.

Ansonsten spiele die Herkunft im Friedensdorf kaum eine Rolle, beobachten die Betreuer. Die Größeren unterstützten einander über Nationen hinweg. Bei den Mädchen gibt es gerade mal wieder den Fall, dass ein Kind aus Angola plötzlich richtig gut Persisch spricht, weil es sich mit den Afghaninnen angefreundet hat. "Mich erstaunt immer wieder, dass die Kinder so sozial geblieben sind – bei allem, was sie erlebt haben", sagt Claudia Peppmüller. Die 55-Jährige arbeitet seit drei Jahrzehnten im Friedensdorf. Sie hat in dieser Zeit viel Not gesehen, aber sie hat auch erlebt, wie es für die Ehemaligen weitergegangen ist. Manche von ihnen, längst erwachsen, schicken nun Babyfotos, andere erzählen vom neuen Job. Peppmüllers Smartphone vibriert ständig, und oft kommen die Nachrichten aus dem Ausland.

Beim Abendessen ein Anruf aus Afghanistan. Peppmüller unterbricht sofort das Gespräch. Ein Jugendlicher mit einem komplizierten urologischen Problem, der als Kind mehrmals in Oberhausen war, wurde heute in Kabul operiert. Nun die erlösende Nachricht des Arztes: Es ist alles gut gegangen.

In Deutschland an Krankenhausbetten zu kommen, wird immer schwieriger
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Abdul kurz vor seinem Eingriff im medizinischen Zentrum des Friedensdorfs. Die Ärzte operieren ihn ehrenamtlich. © Maximilian Mann für DIE ZEIT

Seit einem Jahr führt Friedensdorf International Eingriffe in Afghanistan durch – wenn es die Bedingungen erlauben. Der Vorteil: Die Kinder bleiben bei ihren Eltern, und die Kosten sind geringer. Die Projektarbeit in den Ländern ist der zweite Schwerpunkt der Hilfsorganisation. Auch in verschiedenen Ländern Zentralasiens unterstützt Friedensdorf International Operationen, engagiert sich für die medizinische Grundversorgung und berät Familien. In der Hoffnung, dass eine Behandlung der Kinder in Deutschland gar nicht erst nötig wird.

"Es wird immer schwieriger, hier an Krankenhausbetten für die ausländischen Kinder zu kommen", sagt Ralf Steinen-Perschke am nächsten Morgen. Der Chirurg ist im Vorruhestand und hat darum Zeit, bereits um halb acht im medizinischen Zentrum des Friedensdorfes bereitzustehen. Ein Neubau mit einem modernen OP-Bereich im Erdgeschoss und einer Reha-Abteilung im ersten Stock. Der wurde auch deshalb nötig, weil die deutschen Kliniken, mit denen das Friedensdorf kooperiert, seit einigen Jahren immer weniger freie Behandlungen anbieten. Sie kämpfen selbst mit wirtschaftlichen und personellen Engpässen.

Abdul wird gerade für die Operation vorbereitet. "Er war sehr aufgeregt heute früh und hat geweint", sagt die Leiterin der Station. Dieses Mal weiß der Junge, was auf ihn zukommt, wie stark die Schmerzen sein werden, wie hart das Training danach. Dennoch hat er sich zusammen mit seinem Vater für den Eingriff entschieden. Er möchte auch mit seinem linken Arm wieder greifen und eine Tastatur bedienen können. Möglichst selbstständig zu sein, ist in einem Land wie Afghanistan überlebenswichtig. Darum bieten die Ärzte ihm auch keine Hightechlösung an. Was nützt eine komplizierte Prothese, wenn es weder Ersatzteile noch Expertise gibt?

Abdul lächelt tapfer, als er in den OP geschoben wird. Durch ein Fenster kann man beobachten, wie das Team eintrifft. Drei Ärzte, vier Pflegerinnen – fast alle arbeiten ehrenamtlich. Der Anästhesist hält die Beatmungsmaske über Abduls Gesicht. Es geht los ...

Während die Chirurgen damit beginnen, Elle und Speiche seines linken Arms voneinander zu trennen, geht der Dorfalltag weiter. Vier Jungs stürmen gerade in den Behandlungsraum nebenan. "Ah, da sind ja unsere Checker aus Angola!", sagt die Stationsleiterin und lacht. Die Sieben- bis Neunjährigen rufen vergnügt "Guten Morgen!" und lassen sich auf die Behandlungsliegen fallen. Sie sind scharf auf die Cartoons, die über den Bildschirm flackern, während ihre offenen Wunden versorgt werden.

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In der Reha-Abteilung des Friedensdorfs trainiert eine Physiotherapeutin mit den Kindern. Zurück in ihrer Heimat sollen sie so selbstständig wie möglich sein. © Maximilian Mann für DIE ZEIT

Im ersten Stock machen ein paar Mädchen Krankengymnastik. Zwei von ihnen sitzen einander gegenüber und greifen mit nackten Füßen nach bunten Murmeln, um sie vom Boden in eine Plastikschüssel zu transportieren. Ein anderes Mädchen übt mit einer Physiotherapeutin, aufrecht zu gehen. Auf dem Flur flitzen zwei Kleinkinder mit Hüpfepferd und Bobbycar vorbei in Richtung Untersuchungsräume. Dort kümmert sich Katrin Huskamp, Ärztin der Reha-Abteilung, um eine Jungsgruppe. Sie sieht über 80 Kinder am Tag, wechselt Verbände, versorgt eiternde Wunden, reinigt Fixateure, die von außen den Knochen stabilisieren. Viele dieser Aufgaben würden die Kinder unter Anleitung auch selbst übernehmen, sagt Huskamp: "Man kann sich voll auf sie verlassen."

Bis es so weit ist, müssen allerdings viele Stellen ineinandergreifen. Bereits vor dem Abflug nach Deutschland üben Partner vor Ort mit den Kindern eine Zeichensprache, damit sie die nötigsten Bedürfnisse äußern können. Hand zum Mund heißt: Ich hab Hunger. Daumen hoch: Ich muss Pipi. Das Hauswirtschaftsteam kocht zu Beginn Speisen, die ihnen halbwegs vertraut sind. Die Erzieher lotsen sie Tag und Nacht durch ihren neuen Alltag. Anfangs gibt es viele Tränen, es ist schwer zu erkennen: Hat jemand Schmerzen oder Heimweh? Zum Glück sind da die anderen Kinder, die schon länger im Dorf leben. Sie erklären, dolmetschen, kümmern sich.

Es geht im Friedensdorf nie nur um einseitige Hilfeleistung
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Endlich mal Kind sein! Während der Heilung sollen die jungen Patienten eine schöne und friedliche Zeit miteinander verbringen. © Maximilian Mann für DIE ZEIT

Abdul wird immer noch operiert, als am späten Vormittag in der Mehrzweckhalle ein Kurs für die Neuankömmlinge startet. Zwei Erzieherinnen stehen vor gut zwanzig Jungs und erklären ihnen mit Videos und Übungen, wie man sich vernünftig die Hände wäscht und eine deutsche Toilette benutzt. Ein Kind im Rollstuhl übersetzt in eine der afghanischen Amtssprachen, Dari oder Paschto. An Zahnmodellen üben sie reihum das Zähneputzen. Die Erzieherin lässt das Gebiss zuschnappen, großes Gelächter. Dann ist Pause. Die Kinder stürzen sich auf Tischtennisschläger, Fahrzeuge, Bälle und Boxhandschuhe und toben los. Niemand lässt sich abhalten von fehlenden Gliedmaßen oder anderen Einschränkungen.

Gegen Mittag kommt kurz die Sonne raus. Auf dem Fußballfeld, nur ein paar Meter von Abduls OP-Tisch entfernt, kicken ein paar Jungs, mit Krücken, Schuherhöhungen, egal. Auf dem zentralen Dorfplatz spielen ein paar Schülerinnen mit den jüngeren Mädchen Springseil und Hüpfekästchen.

> Ich brauche das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Ralf Steinen-Perschke ist Chirurg und operiert ehrenamtlich verletzte Kinder.

Nicht nur Schulklassen kommen regelmäßig zu Besuch, auch Konfirmanden, Senioren, Sportvereine. Bis zu hundert Gruppen im Jahr begegnen hier den Kindern – und sehen, dass man den Krisen dieser Welt etwas entgegensetzen kann. Die meisten Besucher spüren, was auch alle Mitarbeitenden sagen: Es geht im Friedensdorf nie nur um einseitige Hilfeleistung.

"Die Kinder sind so toll", sagt eine der Schülerinnen, "ich kriege da einfach gute Laune." Dann schlägt sie wieder das Seil und feuert ein Mädchen mit einer starken Gehbehinderung an. "Zweimal, super! Nächstes Mal schaffst du drei!", ruft sie ihr zu.

"Die Kinder haben eine Kraft, ich habe das so noch nirgendwo sonst erlebt", sagt Lisa Jung. Sie hat ihr Mathestudium abgebrochen und Kindheitspädagogik studiert, damit sie hauptberuflich im Friedensdorf arbeiten kann.

"Ich mach das hier für mich", sagt der Chirurg Ralf Steinen-Perschke, "ich brauche das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun auf dieser Welt."

Und als Claudia Peppmüller vor ein paar Jahren an Krebs erkrankte, musste sie sofort daran denken, was die Kinder in ihrer Situation tun würden: "Kämpfen, natürlich – und nie den Mut verlieren."

So wie Abdul, bei dem die Ärzte eben die letzten Nähte gesetzt haben. Gleich werden sie ihn aufwachen lassen und dann geht auch für ihn das Leben weiter.