[Probleme in Deutschland: Bräsig, nicht schlau | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/2025/01/probleme-deutschland-veraenderung-jahreswechsel-bundestagswahl) 

 Das Jahr 2024 hat wie kaum eines zuvor gezeigt, dass in Deutschland viele Dinge nicht mehr funktionieren.

Aus der [ZEIT Nr. 01/2025](https://www.zeit.de/2025/01/index?utm_campaign=wall_abo&utm_content=premium_packshot_cover_zei&utm_medium=fix&utm_source=zeitde_zonpme_int&wt_zmc=fix.int.zonpme.zeitde.wall_abo.premium.packshot.cover.zei) Aktualisiert am 31. Dezember 2024, 10:24 Uhr

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Wird es im neuen Jahr für Deutschland besser laufen? © Edmon de Haro für DIE ZEIT

Mit der Hoffnung ist es kompliziert. Manchmal, wenn man sie fast aufgegeben hat, geschehen ja die eigentlichen Wunder! Insofern: Kann alles noch werden in diesem Land, von dem man manchmal denkt, hier würde nichts mehr funktionieren, jedenfalls nicht mehr so, wie man es mal gewohnt war.

Trotzdem wird es, zum Jahreswechsel, höchste Zeit für eine Verlustwarnung: Die substanziellen Probleme, an denen Deutschland leidet, sind in vielen Bereichen überwältigend, sie beginnen mit der Infrastruktur und hören bei der Bahn nicht auf, sie enden auch nicht bei der Dysfunktionalität deutscher Verwaltung, bei der fehlenden Innovationskraft der deutschen Wirtschaft oder beim Zustand des deutschen Leistungssports. (Rang zehn im Medaillenspiegel der [Olympischen Spiele](https://www.zeit.de/thema/olympische-spiele) von Paris, so schlecht waren "wir" schon lange nicht mehr!) Irgendwo stürzt immer gerade etwas ein, zuletzt, besonders opulent, eine Brücke in Dresden, und dann will auf keinen Fall irgendwer schuld gewesen sein.

Niemand glaubt mehr an eine Verkettung unglücklicher Zufälle
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Am gravierendsten hat sich der schlechte Zustand der Behörden im Dezember erwiesen, nach dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt von [Magdeburg](https://www.zeit.de/thema/magdeburg), bei dem fünf Menschen starben und Hunderte verletzt wurden. Jedes Detail, das über die Vorgeschichte von Tat und Täter ans Licht kommt, offenbart ein neues Versagen, eine neue Unaufmerksamkeit, eine im Zweifel bräsige Untätigkeit – im Detail wie im großen Ganzen. Im Detail: Da kann ein Attentäter eine Lücke zwischen Betonblöcken ausnutzen, die sechs Meter breit ist (!), mit dem Auto in den Weihnachtsmarkt hinein- und wieder hinausrasen.

Im großen Ganzen: Da kann ein Mann, aus Saudi-Arabien eingewandert, unbehelligt in Deutschland leben, obwohl er vor mehr als zehn Jahren [mit einem Anschlag auf eine Ärztekammer gedroht hatte](https://www.zeit.de/politik/deutschland/2024-12/taleb-al-abdulmohsen-mecklenburg-vorpommern-bka) ("etwas Schlimmes" mit "internationaler Bedeutung" werde geschehen), wofür er verurteilt wurde. Nach der Drohung schoben ihn deutsche Behörden nicht etwa ab, sondern gewährten ihm Asyl, und die Ärztekammer erteilte ihm die Approbation als Facharzt für Psychiatrie. Die Gelegenheiten, die Tat von Magdeburg zu verhindern, waren so zahlreich, dass die Erklärung, es handele sich um eine unglückliche Verkettung schlechter Einzelentscheidungen, kaum einen zufriedenstellen kann.

Und nein, natürlich möchte man nicht zu jenen gehören, die dieses Land in einer Tour schlechtreden, ohne das Gute zu sehen. Noch immer ist Deutschland einer der attraktivsten Sozialstaaten, wohlhabend, in vielen Bereichen durchaus innovativ. Im Durchschnitt ist Deutschland immer noch ein sicheres Land. Es ist nicht dem Untergang geweiht, wie gerade der Trump-Fan und Tech-Milliardär [Elon Musk](https://www.zeit.de/thema/elon-musk) [in einem umstrittenen Gastbeitrag behauptet](https://www.zeit.de/politik/deutschland/2024-12/musk-afd-welt-unterstuetzung), den die _Welt am Sonntag_ abgedruckt hat: Nur die AfD, glaubt Musk, könne Deutschland retten.

Was für ein Quatsch. Bloß sollte einen der Ärger über Musk nicht davon abhalten, sich die Frage zu stellen, wo die Tugenden sind, auf die dieses Land einst so stolz war. Wo ist die innere Spannkraft, der Wille zur Leistung? Die Lust, etwas voranzubringen, Neues zu erfinden? Sind wir Deutschen ein wenig satt geworden? Und ist der deutsche Pragmatismus an zu vielen Stellen abgelöst worden von ideologischen Debatten? Statt die Probleme in der Migrationspolitik anzugehen, wurde lange gestritten, was man über Migration sagen darf und was nicht. Statt die Industrie entschlossen auf eine Zeit vorzubereiten, in der fossile Energieträger weniger wichtig sind als heute, wurde diskutiert, ob einer, der sein Eigenheim in Rudolstadt noch mit Erdgas beheizt, sich am Klima versündigt. Wenn Perfektion vor allem in der Korrektheit gesucht wird und wenn Fleiß bedeutet, besonders eifrig die Sätze zu sagen, die beweisen, dass man auch wirklich auf der richtigen Seite steht – dann wird es schwer, erfolgreich zu sein.

Gleich zu Jahresanfang wird ein neuer Bundestag gewählt. Anders als in anderen westlichen Demokratien droht keine Machtübernahme durch Extremisten. Drei sehr bodenständige Männer bei CDU, SPD und Grünen nennen sich Kanzlerkandidaten, keiner der drei wäre als Kanzler ein Übel. Darin liegt Glück. Aber auch Gefahr: dass alles einfach so weitergeht. Wer auch immer dieses Land künftig regiert – ein kleines Wunder muss her, die Spannkraft muss zurückkommen, im Detail wie im Großen. Damit es, in vier Jahren, nicht wirklich finster aussieht bei einer Wahl.