{"boxID":"3ec060dac7c2714","title":"Eristische Dialektik","description":"Arthur Schopenhauer, Die Kunst, Recht zu behalten\n\nDas fast fertige Manuskript fand sich ohne \u00dcberschriften in Schopenhauers Nachla\u00df. Es entstand vermutlich um 1830; der Text wurde unter verschiedenen Titeln wie \u00bbDialektik\u00ab, \u00bbEristische Dialektik\u00ab oder \u00bbDie Kunst, Recht zu behalten\u00ab ver\u00f6ffentlicht.","creator":"oj@isar.digitalesparadies.de","creator_xchan_hash":"JEwsxB5jXy31Fq3aZQ9pwxs1t97-YNefXywWMDiWWmN2L-m7vIGmQPqmIxdn4NIKHke_1lAKAhnKW5EIdjoGDg","lastShared":1769160832845,"boxPublicID":"5cf9a71e682834b","size":14,"lastEditor":"oj@isar.digitalesparadies.de","lastChangedPublicMetaData":"1767654051794","maxLengthCardField":"1000","cardsDecks":7,"cardsDeckWaitExponent":3,"cardsRepetitionsPerDeck":3,"cardsColumnName":["Created","Side 1","Side 2","Description","Tags","modified","Deck","Progress","Counter","Learnt","Upload"],"lastChangedPrivateMetaData":1769160510652,"private_sortColumn":0,"private_sortReverse":false,"private_filter":["","","","","","","","","","",""],"private_visibleColumns":[false,true,true,false,false,false,false,false,false,false,false],"private_switch_learn_direction":false,"private_switch_learn_all":false,"hasChanged":"true","private_block":false,"license_public_domain":"true","private_autosave":true,"private_show_card_sort":false,"private_sort_default":true,"private_search_convenient":true,"cards":[{"content":["1766851899999","Erweiterung","Kunstgriff 1\nEine Behauptung wird angreifbar gemacht, indem ihr Anwendungsbereich unbeschr\u00e4nkt erweitert wird. Im Gegenzug sollten eigene Behauptungen m\u00f6glichst pr\u00e4zise in klar umrissenen Grenzen formuliert werden. Gegen eine Erweiterung wird mit einer genauen Aufstellung des status controversiae oder puncti controversiae verteidigt, d. h. eines Gegenbeispiels oder der Aufz\u00e4hlung von Einzelpunkten, die praktisch einschr\u00e4nkende Bedingungen darstellen.","Die Erweiterung. Die Behauptung des Gegners \u00fcber ihre nat\u00fcrliche Grenze hinausf\u00fchren, sie m\u00f6glichst allgemein deuten, in m\u00f6glichst weitem Sinne nehmen und sie \u00fcbertreiben; seine eigne dagegen in m\u00f6glichst eingeschr\u00e4nktem Sinne, in m\u00f6glichst enge Grenzen zusammenziehn: weil je allgemeiner eine Behauptung wird, desto mehreren Angriffen sie blo\u00df steht. Das Gegenmittel ist die genaue Aufstellung des puncti oder status controversiae.\n\nMan rette umgekehrt seine eigne Behauptung durch Verengerung derselben \u00fcber die erste Absicht hinaus, wenn der gebrauchte Ausdruck es beg\u00fcnstigt.\n\nExempel\n1. Die Engl\u00e4nder sind die erste Dramatische Nation.\n2. Der Friede von 1814 gab sogar allen Deutschen Hansest\u00e4dten ihre Unabh\u00e4ngigkeit wieder.\n3. Lamarck ( Philosophie zoologique) spricht den Polypen alle Empfindungen ab, weil sie keine Nerven haben","Kunstgriff 1","1766854833004","0","0","1","1769160768907",false,"false"]},{"content":["1766851973225","Ich sagte: \u00bbDie Engl\u00e4nder sind die erste Dramatische Nation.\u00ab \u2013 Der Gegner wollte eine instantia versuchen und erwiderte: \u00bbEs w\u00e4re bekannt, da\u00df sie in der Musik folglich auch in der Oper nichts leisten k\u00f6nnten.\u00ab \u2013 Ich trieb ihn ab, durch die Erinnerung \u00bbda\u00df Musik nicht unter dem Dramatischen begriffen sei; dies bezeichne blo\u00df Trag\u00f6die und Kom\u00f6die\u00ab: was er sehr wohl wu\u00dfte, und nur versuchte, meine Behauptung so zu verallgemeinern, da\u00df sie alle Theatralischen Darstellungen, folglich die Oper, folglich die Musik begriffe, um mich dann sicher zu schlagen.","Erweiterung, Kunstgriff 1, Exempel 1","Begriffserkl\u00e4rung:\nDie Instanz, \u03ad\u03bd\u03c3\u03c4\u03b1\u03c3\u03b9\u03c2 , exemplum in contrarium: Widerlegung des allgemeinen Satzes durch direkte Nachweisung einzelner unter seiner Aussage begriffner F\u00e4lle, von denen er doch nicht gilt, also selbst falsch sein mu\u00df.","Exempel","1766854282391",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1766852115738","A sagt: \u00bbDer Friede von 1814 gab sogar allen Deutschen Hansest\u00e4dten ihre Unabh\u00e4ngigkeit wieder.\u00ab \u2013 B gibt die instantia in contrarium, da\u00df Danzig die ihm von Bonaparte verliehene Unabh\u00e4ngigkeit durch jenen Frieden verloren. \u2013 A rettet sich so: \u00bbIch sagte allen Deutschen Hansest\u00e4dten: Danzig war eine Polnische Hansestadt.\u00ab","Erweiterung, Kunstgriff 1, Exempel 2","","Exempel","1766852176174",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1766852231647","Lamarck spricht den Polypen alle Empfindungen ab, weil sie keine Nerven haben. Nun aber ist es gewi\u00df, da\u00df sie wahrnehmen: denn sie gehn dem Lichte nach, indem sie sich k\u00fcnstlich von Zweig zu Zweig fortbewegen; \u2013 und sie haschen ihren Raub. Daher hat man angenommen, da\u00df bei ihnen die Nervenmasse in der Masse des ganzen K\u00f6rpers gleichm\u00e4\u00dfig verbreitet, gleichsam verschmolzen ist: denn sie haben offenbar Wahrnehmungen ohne gesonderte Sinnesorgane. Weil das dem Lamarck seine Annahme umst\u00f6\u00dft, argumentiert er dialektisch so: \u00bbDann m\u00fc\u00dften alle Teile des K\u00f6rpers der Polypen jeder Art der Empfindung f\u00e4hig sein, und auch der Bewegung, des Willens, der Gedanken: Dann h\u00e4tte der Polyp in jedem Punkt seines K\u00f6rpers alle Organe des vollkommensten Tieres: jeder Punkt k\u00f6nnte sehn, riechen, schmecken, h\u00f6ren, usw., ja denken, urteilen, schlie\u00dfen...","Erweiterung, Kunstgriff 1, Exempel 3","","Exempel","1766852378098",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1766853414578","Kunstgriffe 1\u20133","Die ersten drei Kunstgriffe, Erweiterung, Homonymie und Verabsolutierung, dienen der Ablehnung von Pr\u00e4missen oder Behauptungen. Der Gegner versucht also eine mutatio controversiae (Ver\u00e4nderung der Streitfrage) durchzuf\u00fchren, indem er von etwas anderem redet als der Behauptung, die aufgestellt worden ist. Wird diese Verschiebung \u00fcbersehen, wird eine ignoratio elenchi begangen (w\u00f6rtlich also \u201edie Unkenntnis der Widerlegung\u201c). Was der Gegner als Erwiderung sagt, kann zwar wahr sein, steht aber nur scheinbar im Widerspruch zu der These, die damit angegriffen wird.\n\nAls Gegenma\u00dfnahme r\u00e4t Schopenhauer, direkt zu leugnen, dass aus der Wahrheit des gegnerischen Schlusses die Falschheit der eigenen Behauptung folgt (negatio consequentiae). ","Modus: a) ad rem\nWeg: a) direkte Widerlegung. Die direkte greift die These bei ihren Gr\u00fcnden an. Wir zeigen, da\u00df die Gr\u00fcnde seiner Behauptung falsch sind (nego majorem; minorem)","Kunstgriffe 1\u20133","1766854117698",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1766949555437","Homonymie","Kunstgriff 2\nDie Homonymie, also die Verwendung von mehrdeutigen Bezeichnungen, wird eingesetzt, um eine aufgestellte Behauptung auf das auszudehnen, was nur dem Wortlaut nach etwas mit der Sache zu tun hat, und die Behauptung f\u00fcr diesen Fall zu widerlegen. Homonyma sind zwei Begriffe, die durch dasselbe Wort bezeichnet werden: \u201eTief\u201c, \u201eschneidend\u201c, \u201ehoch\u201c sind Homonyma, so k\u00f6nnen damit T\u00f6ne bezeichnet werden, aber auch die Eigenschaften von Gegenst\u00e4nden. Diese andere Bedeutung kann dann klar widerlegt werden und dabei den Anschein erwecken, die aufgestellte Behauptung sei widerlegt.\n\nDieser Kunstgriff entspricht dem klassischen Sophismus ex homonymia, also einem Trugschluss aus verschiedenen Bedeutungen eines Worts. Der offensichtliche Trugschluss der Homonymie wird im Normalfall allerdings kaum jemanden t\u00e4uschen.","Die Homonymie benutzen, um die aufgestellte Behauptung auch auf das auszudehnen, was au\u00dfer dem gleichen Wort wenig oder nichts mit der in Rede stehenden Sache gemein hat, dies dann lukulent widerlegen, und so sich das Ansehn geben, als habe man die Behauptung widerlegt.\n\nAnmerkung. Synonyma sind zwei Worte f\u00fcr denselben Begriff: \u2013 Homonyma zwei Begriffe, die durch dasselbe Wort bezeichnet werden. Siehe Aristoteles, Topik, I, 13. Tief, Schneidend, Hoch, bald von K\u00f6rpern bald von T\u00f6nen gebraucht sind Homonyma. Ehrlich und Redlich Synonyma.\n\nMan kann diesen Kunstgriff als identisch mit dem Sophisma ex homonymia betrachten: jedoch das offenbare Sophisma der Homonymie wird nicht im Ernst t\u00e4uschen.\n\nExempel 1: Sie sind noch nicht eingeweiht in die Mysterien der Kantischen Philosophie.\nExempel 2: Ich tadelte das Prinzip der Ehre, nach welchem man durch eine erhaltene Beleidigung ehrlos wird","Kunstgriff 2","1766950006522",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1766950120815","A. Sie sind noch nicht eingeweiht in die Mysterien der Kantischen Philosophie.\n\nB. Ach, wo Mysterien sind, davon will ich nichts wissen.","Homonymie, Kunstgriff 2, Exempel 1","","Exempel","1766950292550",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1766950168620","Ich tadelte das Prinzip der Ehre, nach welchem man durch eine erhaltene Beleidigung ehrlos wird, es sei denn, da\u00df man sie durch eine gr\u00f6\u00dfere Beleidigung erwidere, oder durch Blut, das des Gegners oder sein eigenes, abwasche, als unverst\u00e4ndig; als Grund f\u00fchrte ich an, die wahre Ehre k\u00f6nne nicht verletzt werden durch das, was man litte, sondern ganz allein durch das, was man t\u00e4te; denn widerfahren k\u00f6nne jedem jedes. \u2013 Der Gegner machte den direkten Angriff auf den Grund: er zeigte mir lukulent, da\u00df wenn einem Kaufmann Betrug oder Unrechtlichkeit, oder Nachl\u00e4ssigkeit in seinem Gewerbe f\u00e4lschlich nachgesagt w\u00fcrde, dies ein Angriff auf seine Ehre sei, die hier verletzt w\u00fcrde, lediglich durch das, was er leide, und die er nur herstellen k\u00f6nne, indem er solchen Angreifer zur Strafe und Widerruf br\u00e4chte...","Homonymie, Kunstgriff 2, Exempel 2","...Hier schob er also, durch die Homonymie, die B\u00fcrgerliche Ehre, welche sonst Guter Name hei\u00dft und deren Verletzung durch Verleumdung geschieht, dem Begriff der ritterlichen Ehre unter, die sonst auch point d'honneur hei\u00dft und deren Verletzung durch Beleidigungen geschieht. Und weil ein Angriff auf erstere nicht unbeachtet zu lassen ist, sondern durch \u00f6ffentliche Widerlegung abgewehrt werden mu\u00df; so m\u00fc\u00dfte mit demselben Recht ein Angriff auf letztere auch nicht unbeachtet bleiben, sondern abgewehrt [werden] durch st\u00e4rkere Beleidigung und Duell. \u2013 Also ein Vermengen zwei wesentlich verschiedener Dinge durch die Homonymie des Wortes Ehre: und dadurch eine mutatio controversiae, zu Wege gebracht durch die Homonymie.","Exempel","1766950280159",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1767286272817","Verabsolutierung","Kunstgriff 3\n\nEine Behauptung des Gegners, die nur spezifisch und relativ aufgestellt ist, in einer anderen Hinsicht deuten oder so, als sei sie in jeder Hinsicht gemeint, um sie dann in diesem Sinn zu widerlegen.","Die BehauptnngSophisma a dicto secundum quid ad dictum simpliciter. Dies ist des Aristoteles zweiter elenchus sophisticus \u03ad\u03be\u03c9 \u03c4\u03b7\u0303\u03c2 \u03bb\u03ad\u03be\u03b5\u03c9\u03c2: \u2013 \u03c4\u03bf\u0300 \u03b1\u03c0\u03bb\u03c9\u0303\u03c2, \u03b7\u0300 \u03bc\u03b7\u0300 \u03b1\u03c0\u03bb\u03c9\u0303\u03c2, \u03b1\u03bb\u03bb\u03b1\u0300 \u03c0\u03b7\u0303 \u03b7\u0300 \u03c0\u03bf\u03c5\u0303, \u03b7\u0300 \u03c0\u03bf\u03c4\u03ad, \u03b7\u0300 \u03c0\u03c1\u03cc\u03c2 \u03c4\u03b9 \u03bb\u03ad\u03b3\u03b5\u03c3\u03b8\u03b1\u03b9, Sophistische Widerlegungen, 5 welche beziehungsweise, \u03ba\u03b1\u03c4\u03ac \u03c4\u03b9, relative aufgestellt ist, nehmen, als sei sie allgemein, simpliciter, \u03b1\u03c0\u03bb\u03c9\u0303\u03c2, absolute aufgestellt, oder wenigstens sie in einer ganz andern Beziehung auffassen, und dann sie in diesem Sinn widerlegen. Des Aristoteles Beispiel ist: der Mohr ist schwarz, hinsichtlich der Z\u00e4hne aber wei\u00df; also ist er schwarz und nicht schwarz zugleich. \u2013 Das ist ein ersonnenes Beispiel, das Niemand im Ernst t\u00e4uschen wird: nehmen wir dagegen eines aus der wirklichen Erfahrung.","Kunstgriff","1767286697040",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1767286714382","In einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Philosophie gab ich zu, da\u00df mein System die Quietisten in Schutz nehme und lobe. \u2013 Bald darauf kam die Rede auf Hegel, und ich behauptete er habe gro\u00dfenteils Unsinn geschrieben oder wenigstens w\u00e4ren viele Stellen seiner Schriften solche, wo der Autor die Worte setzt, und der Leser den Sinn setzen soll. \u2013 Der Gegner unternahm nicht dies ad rem zu widerlegen, sondern begn\u00fcgte sich, das argumentum ad hominem aufzustellen \u00bbich h\u00e4tte so eben die Quietisten gelobt, und diese h\u00e4tten ebenfalls viel Unsinn geschrieben\u00ab.\n\nIch gab dies zu, berichtigte ihn aber darin, da\u00df ich die Quietisten nicht lobe als Philosophen und Schriftsteller, also nicht wegen ihrer theoretischen Leistungen, sondern nur als Menschen, wegen ihres Tuns, blo\u00df in praktischer Hinsicht: bei Hegel aber sei die Rede von theoretischen Leistungen. \u2013 So war der Angriff pariert.","Verabsolutierung, Kunstgriff 3, Exempel 1","Die ersten drei Kunstgriffe sind verwandt: sie haben dies gemein, da\u00df der Gegner eigentlich von etwas anderm redet als aufgestellt worden; man beginge also eine ignoratio elenchi, wenn man sich dadurch abfertigen lie\u00dfe. \u2013 Denn in allen aufgestellten Beispielen ist was der Gegner sagt, wahr: es steht aber nicht in wirklichem Widerspruch mit der These, sondern nur in scheinbarem; also negiert der von ihm Angegriffene die Konsequenz seines Schlusses: n\u00e4mlich den Schlu\u00df von der Wahrheit seines Satzes auf die Falschheit des unsrigen. Es ist also direkte Widerlegung seiner Widerlegung per negationem consequentiae.\n\nWahre Pr\u00e4missen nicht zugeben, weil man die Konsequenz vorhersieht. Dagegen also folgende zwei Mittel, Regel 4 und 5.","Exempel","1767287164360",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1767650945268","Kunstgriff 4","Umwege\n\nDie Pr\u00e4missen f\u00fcr eine Behauptung werden im Gespr\u00e4ch unsystematisch eingestreut, damit der Gegner ihnen zustimmt, ohne die Konsequenz ahnen zu k\u00f6nnen. Falls dieses Vorgehen zu durchsichtig ist, kann es auch f\u00fcr die Pr\u00e4missen der Pr\u00e4missen benutzt werden.\n\nDazu k\u00f6nnen auch Prosyllogismen (R\u00fcckschl\u00fcsse) verwendet werden, bis alles zugestanden ist, um dann erst den Schluss ziehen. ","Wenn man einen Schlu\u00df machen will, so lasse man denselben nicht vorhersehn, sondern lasse sich unvermerkt die Pr\u00e4missen einzeln und zerstreut im Gespr\u00e4ch zugeben, sonst wird der Gegner allerhand Schikanen versuchen; oder wenn zweifelhaft ist, da\u00df der Gegner sie zugebe, so stelle man die Pr\u00e4missen dieser Pr\u00e4missen auf; mache Prosyllogismen; lasse sich die Pr\u00e4missen mehrerer solcher Prosyllogismen ohne Ordnung durcheinander zugeben, also verdecke sein Spiel, bis alles zugestanden ist, was man braucht. F\u00fchre also die Sache von Weitem herbei. Diese Regeln gibt Aristoteles, Topik, VIII, 1.\n\nBedarf keines Exempels.\n\nProsyllogismus = Vorschluss =Der Schluss einer Schlusskette, dessen Schlusssatz die Pr\u00e4misse des darauffolgenden Schlusses ist.","Kunstgriff 4","1767653457739",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1767653215347","Kunstgriffe 4\u20136","4. Umwege\n5. Pr\u00e4missen ad populum und ex concessis\n6. Versteckte petitio principii (Zirkelschl\u00fcsse)\n\nIn den Kunstgriffen 4\u20136 soll eine Behauptung durch Pr\u00e4missen gest\u00fctzt werden, aus denen sie folgt. Sie dienen dazu, Pr\u00e4missen ohne Widerspruch einzuf\u00fchren.","Wahre Pr\u00e4missen nicht zugeben, weil man die Konsequenz vorhersieht. Dagegen also folgende zwei Mittel, Regel 4 und 5.","Kunstgriffe 4\u20136","1767653728140",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1767653756450","Kunstgriff 5","Als Sonderfall des 4. Kunstgriffes werden Pr\u00e4missen verwendet, die selbst f\u00fcr falsch gehalten werden, von denen aber gewusst wird, dass sie der Gegner oder das Publikum f\u00fcr wahr halten. Letztere sind Pr\u00e4missen ad populum, die anderen sind ex concessis, weil sie als Zugest\u00e4ndnis an den Gegner in das Argument einflie\u00dfen.\n\nDenn eine wahre Konklusion kann auch aus falschen Pr\u00e4missen folgen. ","Man kann zum Beweis seines Satzes auch falsche Vorders\u00e4tze gebrauchen, wenn n\u00e4mlich der Gegner die wahren nicht zugeben w\u00fcrde, entweder weil er ihre Wahrheit nicht einsieht, oder weil er sieht, da\u00df die Thesis sogleich daraus folgen w\u00fcrde: dann nehme man S\u00e4tze, die an sich falsch, aber ad hominem wahr sind, und argumentiere aus der Denkungsart des Gegners ex concessis. Denn das Wahre kann auch aus falschen Pr\u00e4missen folgen: wiewohl nie das Falsche aus wahren. Eben so kann man falsche S\u00e4tze des Gegners durch andre falsche S\u00e4tze widerlegen, die er aber f\u00fcr wahr h\u00e4lt: denn man hat es mit ihm zu tun und mu\u00df seine Denkungsart gebrauchen. Z. B. ist er Anh\u00e4nger irgend einer Sekte, der wir nicht beistimmen; so k\u00f6nnen wir gegen ihn die Ausspr\u00fcche dieser Sekte, als principia, gebrauchen. Aristoteles, Topik, VIII, 9.","Kunstgriff 5","1767653867042",0,0,0,0,false,"false"]},{"content":["1767653884255","Kunstgriff 6","Eine petitio principii (Zirkelschluss) wird begangen, indem die zu beweisende Behauptung bereits unter die Pr\u00e4missen aufgenommen wurde. Schopenhauer unterscheidet vier M\u00f6glichkeiten, dieses Vorgehen vor dem Gegner zu verbergen:\n\n1. Bewertungen k\u00f6nnen durch geschickte Wahl des Ausdrucks vorweggenommen werden (Beispiel: statt \u201eJungfr\u00e4ulichkeit\u201c sage \u201eTugend\u201c, statt \u201eVerbandsvertreter\u201c \u201eLobbyist\u201c).\n\n2. Um eine Behauptung zu belegen, wird eine unverd\u00e4chtige Verallgemeinerung best\u00e4tigt.\n\n3. Um eine Behauptung zu belegen, wird eine andere unbelegte Behauptung aufgestellt, sodass sich die beiden Behauptungen wechselseitig st\u00fctzen.\n\n4. Um eine allgemeine Behauptung zu belegen, werden viele Sonderf\u00e4lle best\u00e4tigt.","\n\nMan macht eine versteckte petitio principii, indem man das, was man zu beweisen h\u00e4tte, postuliert, entweder 1. unter einem andern Namen, z. B. statt Ehre guter Name, statt Jungfrauschaft Tugend usw., auch Wechselbegriffe: \u2013 rotbl\u00fctige Tiere, statt Wirbeltiere, 2. oder was im Einzelnen streitig ist, im Allgemeinen sich geben l\u00e4\u00dft, z. B. die Unsicherheit der Medizin behauptet, die Unsicherheit alles menschlichen Wissens postuliert: 3. Wenn vice versa zwei auseinander folgen, das eine zu beweisen ist; man postuliert das andre: 4. Wenn das Allgemeine zu beweisen und man jedes einzelne sich zugeben l\u00e4\u00dft. (Das umgekehrte von Nr. 2.)","","1767654051794",0,0,0,0,false,"false"]}],"private_hasChanged":false}