[Russische Sabotage in Europa: Liberal, nicht blöd | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/2025/01/russische-sabotage-europa-angriffe-nato) 

 Russland testet mit kalkulierten Sabotage-Aktionen die roten Linien des Westens. Der sollte besser reagieren.

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Russland führt einen systematischen Angriff gegen Europa, mit dem Ziel, ein Gefühl der Verwundbarkeit zu erzeugen und die roten Linien des Westens zu verschieben. © Edmon de Haro für DIE ZEIT

Langsam wird ein Muster daraus: Am ersten Weihnachtstag wurden [wieder zwei Kabel in der Ostsee durchtrennt](https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-12/unterseekabel-finnland-estland-stoerung-ermittlungen-sabotage), eine Datenleitung und eine Unterwasser-Stromtrasse – diesmal zwischen Estland und Finnland. Ein aus St. Petersburg kommender Öltanker hatte die Leitungen just zum Zeitpunkt der Beschädigung gekreuzt. Finnische Spezialkräfte setzten die _Eagle S_ fest und fanden heraus, dass dem Schiff ein Anker fehlt.

Erst im November waren zwei Glasfaserkabel in der [Ostsee](https://www.zeit.de/thema/ostsee) auf die gleiche Weise beschädigt worden und ein Jahr zuvor bereits die Gaspipeline Baltic Connector. Alle an den Vorfällen beteiligten Schiffe hatten kuriose Probleme mit auf dem Meeresgrund schleifenden Ankern.

[Annalena Baerbock](https://www.zeit.de/thema/annalena-baerbock) [fällt es "mehr als schwer, da noch an Zufälle zu glauben"](https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-12/baerbock-warnt-vor-russischer-schattenflotte). Die scheidende Außenministerin beklagt "hybride Bedrohungen böswilliger Akteure" und gelobt, man werde die "kritische Infrastruktur" künftig besser schützen.

Dieser routiniert-abgeklärte Umgang mit Attacken, für die sich der Terminus "hybrider Krieg" durchgesetzt hat, ist Teil des Problems. Die Scheu, den böswilligen Akteur – [Russland](https://www.zeit.de/thema/russland) – beim Namen zu nennen und ihm entschlossen entgegenzutreten, besänftigt ihn offensichtlich nicht, sondern lädt ein, stets weiter zu eskalieren.

Wir bewegen uns gefährlich auf den Ernstfall zu, Artikel 5 des Nato-Vertrags
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Die krasse [Liste von hybriden Aktionen, die Rechercheure von ZEIT ONLINE gerade zusammengestellt](https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-12/russische-sabotage-europa-spionage-pipelines-hackerangriffe) haben, lässt keinen Zweifel daran, dass Russland längst einen systematischen Angriff gegen Europa führt: Bundeswehrkasernen werden mit Drohnen ausgespäht; auf den Chef des Rüstungsunternehmens Rheinmetall war ein Mordanschlag geplant; in Warschau wurde ein Baumarkt abgefackelt; ein Sprengstoffpaket gelangte diesen Sommer nur durch Zufall nicht in eine DHL-Maschine. In Bulgarien explodierten Munitionsdepots; in Paris sprühten russische Agenten antisemitische Parolen an von Juden bewohnte Häuser; vor den Olympischen Spielen wurde das Schnellzugnetz Frankreichs durch Kabelsabotage lahmgelegt. Hinzu kommen unzählige Hacks, etwa gegen Mailserver der SPD, und regelmäßige Trollarmee-Angriffe in den sozialen Netzwerken.

Die Attacken sind so zugeschnitten, dass jede für sich keinen Verteidigungsfall auslöst: Sie sind oft nicht eindeutig zurechenbar; die Folgen bleiben (noch) überschaubar; es sind nur einzelne Länder oder Regionen betroffen.

Und doch bewegen wir uns gefährlich auf den Ernstfall zu, auf einen möglichen Bündnisfall nach [Artikel 5 des Nato-Vertrags](https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-11/nato-buendnisfall-bnd-russland-wladimir-putin-ukraine), in dem die Mitglieder sich wechselseitigen Beistand im Moment eines Angriffs versprochen haben. Der [neue Nato-Generalsekretär Mark Rutte](https://www.zeit.de/thema/mark-rutte) hat in seiner ersten Rede gesagt, wir seien noch "nicht im Krieg, wir befinden uns aber auch nicht im Frieden". Was folgt daraus? Dazu schweigt Rutte.

Die Angriffe zielen darauf, ein Gefühl der Verwundbarkeit zu erzeugen, Lücken zu erkunden, die im Ernstfall ausgenutzt werden können, und die roten Linien des Westens zu verschieben. Die Verflechtung der globalisierten Welt eröffnet Feinden der Freiheit neue Chancen der Aggression. Alles Verbindende kann angegriffen oder zur Waffe umfunktioniert werden – Datenkabel, Pipelines, Frachtflugzeuge, Bahnstrecken, Migrationsströme, Medien aller Art. Experten nennen das "Konnektivitätskrieg".

Mehr Schutz ist möglich – durch Patrouillen in der Ostsee, bessere geheimdienstliche Aufklärung, die Regulierung sozialer Netzwerke. Russische Schiffe können sanktioniert, Spione ausgewiesen, Drohnen abgeschossen, Cyberangriffe erwidert und Kasernen besser bewacht werden. Doch freiheitliche Systeme könnten nur um den Preis der Selbstaufgabe völlige Sicherheit bieten. Offene Gesellschaften sind per se verletzlich.

Aber eben nicht wehrlos – allerdings nur dann, wenn ihre Abschreckung glaubhaft ist. Mit jedem folgenlos hingenommenen Anschlag nimmt die Glaubwürdigkeit des westlichen Bündnisses ab. Darum sollten zügig Beratungen des Nato-Rats nach Artikel 4 erfolgen. Der besagt, dass die Mitgliedsstaaten "einander konsultieren, wenn nach Auffassung eines von ihnen die Unversehrtheit des Gebietes, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht sind". Die Botschaft wäre: Wir wissen, was ihr tut. Wir sind liberal, aber weder blöd noch soft.

Auch im hybriden Krieg ist Abschreckung nötig. Das klingt martialisch, meint aber etwas Nüchternes: Dem Angreifer müssen die Kosten seiner Aggression klargemacht werden. Derzeit sind sie gleich null, und das ist brandgefährlich.