[Erbe zwischen Geschwistern: "Es ist egal, wenn einer mehr bekommt als der andere" | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/arbeit/2024-12/erbe-geschwister-familie-streit-immobilien) 

 _Wie fühlt es sich an, [plötzlich Erbe](https://www.zeit.de/serie/ehrliche-erben) zu sein? Hört man auf zu arbeiten oder hat man noch mehr Arbeit damit, es zu investieren? Macht das unerwartete Geld glücklich oder streitet man sich ständig mit Verwandten? Hier erzählt Thomas Diltschev\*, 61 Jahre alt, von seinem Erbe._

Was haben Sie geerbt?
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Zusammen mit meinen beiden Brüdern erbte ich das Haus, in dem wir aufgewachsen sind, ein Mehrfamilienhaus mit drei Wohnungen. Zwei davon, beide etwa 80 Quadratmeter groß, sind vermietet. Im Dachgeschoss wohnt das Pflegepersonal meiner Tante und meines Onkels, sie zahlen nur Nebenkosten. Die Mieteinnahmen, 1.200 Euro netto im Monat, teilen wir durch drei. Davon legt jeder die Hälfte für Reparaturen zurück. Momentan sind das aber noch wenige, weil das Haus 2008 brannte und daraufhin kernsaniert werden musste. Mein Vater hat Modellflieger gesammelt und wir vermuten, dass einer der Lithium-Polymer-Akkus den Brand in der Küche ausgelöst hat. Deshalb gab es nach dem Tod meiner Eltern auch kaum materielle Dinge oder Erinnerungsstücke, die wir hätten erben können – bis auf ein bisschen [Schmuck](https://www.zeit.de/thema/schmuck). Mein Vater war Silberschmied.

Die meisten seiner Arbeiten lagen jedoch in der Küche unter einer Eckbank. Nach dem Brand war ein Großteil davon zu Gold- und Silberklumpen geschmolzen. Für unsere [Familie](https://www.zeit.de/familie/index) war das sehr emotional, weil es auch um besondere Schmuckstücke ging, die mein Vater meiner Mutter zur Hochzeit oder zum Geburtstag geschenkt hatte. Ein paar davon waren zum Glück in einem Safe im Wohnzimmer und blieben verschont.

Wie viel dieser Schmuck genau wert war, weiß ich gar nicht. Aber ich war selbst überrascht, wie reibungslos die Verteilung unter uns Brüdern ablief. Wir haben darauf geachtet, dass jeder ungefähr das gleiche Gewicht an Gold und Silber bekam. Ansonsten hat sich jeder einfach das ausgesucht, was ihm gefiel oder woran die meisten Erinnerungen hingen.

Die geschmolzenen Schmuckstücke verkaufte mein jüngerer Bruder, der auch Silberschmied ist, für 30.000 Euro. Davon bekam jeder 10.000 Euro. Und von den Ersparnissen meiner Eltern blieben auch jeweils 10.000 Euro übrig. Außerdem haben meine Frau und ich 1999 eine Schenkung von ihren Eltern erhalten, um den Bau unseres eigenen Hauses zu finanzieren. Das waren 150.000 DM.

Wie kam es zu dem Erbe?
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Nach dem Brand zogen meine Eltern nicht mehr in das Haus zurück. Das Erlebte war für meine Mutter so traumatisch, dass sie nicht mehr dort leben wollte. Ein Nachbar hatte sie vor den Flammen über den Balkon gerettet, mein Vater war an diesem Tag nicht zu Hause. Bis zu ihrem Tod lebten meine Eltern dann in einer betreuten Wohneinrichtung für Senioren.

Immerhin wurde der gesamte Schaden von rund 120.000 Euro von der Versicherung übernommen. So hatten wir wenigstens keine zusätzlichen finanziellen Sorgen. Es dauerte ein Jahr, bis wir das Haus nach der Kernsanierung wieder vermieten konnten. Mit den Mieteinnahmen und der Rente meiner Eltern haben meine Brüder und ich das betreute Wohnen bezahlt.  

2012 starb meine Mutter, zwei Jahre später mein Vater. Im Testament stand, dass im Todesfall zuerst der Ehepartner erbt und dann die drei Kinder zu gleichen Teilen. Es war auch festgelegt: Sollte einer der beiden nach dem Tod wieder heiraten, würde der neue Ehepartner nichts erben. Dazu kam es aber nicht.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie erben werden?
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Als wir nach dem Brand die Wohnung aufräumten, fand ich das Testament zufällig in einer Metallbox mit anderen Dokumenten wie Pässen und Versicherungsunterlagen. Ich erinnere mich auch, dass meine Eltern, als sie das Testament einige Jahre vor ihrem Tod aufsetzten, mit uns darüber sprachen. Aber das Erbe war nicht ständig Thema. Es war auch unausgesprochen klar, dass wir nach ihrem Tod alles durch drei teilen würden.

Was machen Sie mit dem Geld?
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Die 20.000 Euro, die ich geerbt habe, sind zusammen mit anderen Ersparnissen von mir und meiner Frau in Immobilien angelegt. Wir waren beide selbstständig, sie als Physiotherapeutin, ich als Versicherungsmakler, und haben nie in die Rentenkasse eingezahlt. Stattdessen haben wir von unserem Einkommen so lange gespart, bis wir uns Immobilien leisten konnten.

Zusätzlich zum Haus, in dem wir wohnen, besitzen wir noch ein kleines Häuschen, etwa 40 Kilometer von unserem Wohnort entfernt. Das vermieten wir. Genauso wie eine Hofreite, also ein altes, umgebautes Bauernhaus, hier in der Nähe. Zuletzt haben wir für 200.000 Euro eine Ferienwohnung auf Amrum gekauft. Doch nur wenige Monate später wurde festgestellt, dass das Gebäude einsturzgefährdet ist. Ob wir die Wohnung wieder nutzen können und wie viel Geld wir letztlich verloren haben, wissen wir noch nicht. Die Immobilien sind unsere Altersvorsorge. Sollte das Geld zum Leben in der Rente einmal knapp werden, können wir sie verkaufen.

Was hat das Erbe verändert?
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In meinem Alltag hat sich durch die Erbschaft eigentlich nichts verändert. Die 20.000 Euro haben natürlich geholfen, die Ersparnisse meiner Frau und mir aufzustocken, sodass wir uns schneller eine neue Immobilie leisten konnten. Und ohne die damalige Schenkung meiner Schwiegereltern hätten wir unser erstes Haus nie kaufen können. Aber bis jetzt ist mein Leben, seit ich geerbt habe, so geblieben wie vorher, es hat sich nichts grundlegend verändert, weder emotional noch finanziell.

Wenn ich den Anteil am Haus meiner Eltern irgendwann verkaufen würde, wären das wahrscheinlich um die 100.000 Euro, eine ordentliche Summe. Aber bis dahin bedeutet das Erbe für mich vor allem Verantwortung. Ich kümmere mich um die Mietverträge und den sonstigen Papierkram in unserem Elternhaus, das kann ganz schön anstrengend sein. Man sagt, Eigentum verpflichtet – und das stimmt.

Wie reagierten Freunde und Familienangehörige auf Ihr Erbe?
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Wir haben unser Erbe nicht verheimlicht, aber wir haben auch nicht so viel geerbt, dass jemand wahnsinnig neidisch geworden wäre. Niemand in unserem Umfeld hat sich negativ darüber geäußert.

Hat die Erbschaft zu Streit geführt?
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Mein jüngerer Bruder, der sich darum kümmerte, die hinterlassenen Schmuckstücke zu verteilen, hätte natürlich einen Teil davon unbemerkt verschwinden lassen können. Aber wir drei vertrauen einander. Die oberste Priorität war: kein Streit. Wir waren uns einig: Es ist egal, wenn einer mehr bekommt als der andere. Trotzdem bin ich überrascht, dass wir das tatsächlich hingekriegt haben.

Zu meinem großen Bruder habe ich mal gesagt: Wir sind zwar Brüder, aber Freunde wären wir wahrscheinlich nicht. Doch das heißt nicht, dass wir uns überhaupt nicht mögen, sondern dass Familienbeziehungen einfach anders sind als Freundschaften. Mein kleiner Bruder ist drei Jahre jünger, wir haben schon als Kinder viel zusammen unternommen und fahren auch als Erwachsene noch gemeinsam in den Urlaub. Mein großer Bruder hingegen ist acht Jahre älter, und wir haben kein besonders enges Verhältnis zueinander, was aber nicht heißt, dass wir uns um unser Erbe streiten.

Der Brand im Haus, der Tod unserer Eltern, das war schon schlimm genug. Aber weder meine Brüder noch ich hatten finanzielle Probleme. Wir konnten es uns leisten, großzügig miteinander umzugehen. Und wer weiß? Ab und zu spiele ich mit dem Gedanken, meinen Anteil am Haus zu verkaufen – vielleicht gibt es dann Streit, wenn meine Brüder mich auszahlen müssen.

Oder wenn die Eltern meiner Frau vor uns sterben. Was passiert dann mit ihrem Haus? Meine Frau und ich würden es gerne verkaufen, weil der Verwaltungsaufwand mit unseren jetzigen Immobilien schon hoch ist. Aber die Schwester meiner Frau möchte es vielleicht behalten, um es irgendwann an ihre Kinder weiterzuvererben. Meine Frau und ich haben keine Kinder. Bisher ist unser Verhältnis sowohl zu meiner Schwägerin als auch zu unseren Nichten und Neffen sehr harmonisch, aber man weiß ja nie.

Was bedeutet das Erbe für Sie?
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Erben bedeutet oft finanzielle Erleichterung, das war auch bei mir so. Gleichzeitig ist es eine Art Vermächtnis. Da meine Frau und ich keine Kinder haben, sollen unsere Häuser und unser Besitz nach unserem Tod an unsere Nichten und Neffen gehen. Das sind insgesamt fünf Personen, die dann zu gleichen Teilen erben. Unsere eigenen Geschwister würden meine Frau und ich in der Erbfolge überspringen, aber darüber wissen sie Bescheid.

Ich hoffe, dass meine Brüder und ich eines Tages also nicht nur unsere Besitztümer weitergeben werden, sondern auch die Art und Weise, wie wir mit dem Erbe umgegangen sind. Ich bin zuversichtlich, dass es unseren Nichten und Neffen auch gelingen wird, sich nicht zu streiten.    

Finden Sie es gerecht, dass Sie das Erbe erhalten haben?
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Tatsächlich ja. Natürlich stellt man sich die Frage: Hat man das verdient oder nicht? Aber ich glaube, ein Erbe muss man sich nicht verdienen, sondern es geht dabei um ein Vermächtnis, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Einerseits das, was man sich ein Leben lang erarbeitet hat und andererseits die eigenen Werte. Für mich bedeutet ein Erbe Verantwortung, die man gegenüber seiner Familie hat und die man dann an die nächste Generation überträgt.

Würden Sie rückblickend gerne auf das Erbe verzichten oder es wieder erhalten wollen?
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Ich würde nicht darauf verzichten, sondern das Erbe wieder erhalten wollen, sodass ich es zusammen mit dem, was ich selbst erwirtschaftet habe, an meine Nichten und Neffen weitergeben kann. Ich habe auch schon darüber nachgedacht, einen Teil meines Erbes an einen Tierschutzverein oder eine NGO, die sich fürs Klima einsetzt, zu spenden. Aber letztlich bin ich immer wieder bei dem Gedanken gelandet: Das Erbe soll in der Familie bleiben.

_\*Weil der Gesprächspartner über seine Finanzen und die Beziehung zu Familienangehörigen spricht, möchte er nicht, dass sein richtiger Name hier erscheint. Er ist der Redaktion aber bekannt._

_Haben Sie auch geerbt und möchten davon berichten? Schreiben Sie uns eine Mail an debatte-arbeit@zeit.de._