Moralische Empörung ist in linken Debatten allgegenwärtig. Doch dieser Artikel vertritt eine provokante These: Der Moralismus – also die persönliche Verurteilung von politischen Gegnern als "böse", "dumm", etc. – ist strategisch kontraproduktiv. Er verhärtet Fronten und reproduziert genau die Denkmuster, die er bekämpfen will. Den Rechtsruck bekämpfen zu wollen indem man Rechte moralisch verurteilt ist mindestens so kontraproduktiv wie den Drogenmissbrauch bekämpfen zu wollen indem man Drogenabhängige moralisch verurteilt.
Meine Kritik am Moralismus im
gruppenübergreifenden Kontext lässt sich funktional begreifen: Seine primäre Wirkung ist die soziale Kontrolle
innerhalb einer Gruppe, die bereits einen Grundkonsens teilt und auf der Beziehungsebene Nähe verspürt. Gegenüber einer Außengruppe schlägt diese Dynamik um. Der moralische Vorwurf wird nicht als berechtigte Kritik, sondern als Angriff auf die kollektive Identität wahrgenommen und provoziert defensive Abgrenzung. Sozialpsychologisch gesprochen: Er erzeugt
Reaktanz und verstärkt das 'Wir-gegen-die'-Denken. Selbst universalistische Inhalte können in diesem Medium in diesem Anwendungsfall nur partikularistische, tribalistische Wirkungen entfalten.
Der Hass, den linke Moralisten gegenüber Rechten verspüren, spiegelt deren Hass wider, und ihre Hetze gegen sie spiegelt deren Hetze wider. Moralisten rechtfertigen ihren Hass durch den
freien Willen. Während rechte Hetze
essenzialistisch ist, ist linke Hetze angeblich anders. Queere "sind halt eben" queer, während Queerfeinde "aus freier Entscheidung" queerfeindlich sind. In meinem Artikel
Deterministische Ethik erkläre ich zwar, weshalb ich das anders sehe, aber darauf kommt es auch nicht an. Meine Kritik ist hier nicht, dass es "genauso ungerecht" sei, Queerfeinde zu hassen wie Queere, sondern dass dieser Hass faktisch zur Reproduktion seines Gegenstands beiträgt.

Wie man am Beispiel des Drogenmissbrauchs klar erkennt, können Systeme bekämpft werden, ohne die Individuen zu bekämpfen, die in ihm verwickelt sind. Ferner kann man die Individuen, wenn es sein muss, auch bekämpfen, ohne sie zu hassen oder moralisch zu verurteilen. Ich hasse Drogenabhängige nicht. Das heißt nicht, dass ich einer drogenabhängigen Person alles durchgehen lassen und tatenlos zusehen würde.

Ich erwarte nicht von dir als Leser*in jetzt sofort eine "perfekte" linke Kultur vorzuleben, und erst recht nicht, dass du von jetzt an moralistische Linke moralisch verurteilst. Aber wenn wir alle leicht einlenken, können wir die linke Kultur vielleicht mittelfristig verwandeln. Wir müssen nicht jedes mal ein riesen Fass aufmachen, wenn eine Ansage auf einem Grindcore-Konzert oder einer Antifa-Demo moralistisch ist, aber wir können selbst darauf verzichten, solche Ansagen zu verfassen, und ggf. auch den Applaus vorenthalten, wenn sie getätigt werden.
Zum richtigen Leben im Falschen
Zusätzlich zum vorsätzlichen Moralismus muss man leider feststellen, dass jeder
moralische Appell auch
moralistisch aufgefasst werden kann. Damit ist gemeint, dass jeder Aufruf, etwas aus moralischen Gründen zu tun, bei denen, die dem Aufruf nicht nachgehen, ob gewollt oder ungewollt das Gefühl erweckt, moralisch verurteilt zu werden. Die linke Kultur ist aufgrund ihres mangels organisierter Macht stark moralisch geprägt, selbst wenn man den Moralismus im engeren Sinne ausklammert. Linke suchen nach dem "richtigen Leben im Falschen", d.h. sie probieren durch Verzicht und Aufopferung in Form von (Konsum-)Aktivismus so viel gutes zu bewirken wie möglich. Dies ist absolut lobenswert, und ich will nicht abstreiten, dass diese Handlungen Wirkungen zeigen, doch die zentrale Stellung der Selbstaufopferung in der linken Kultur hat auch schlechte Nebenwirkungen, die meiner Ansicht nach überwiegen.
Zum Beispiel hassen Rechte die Partei Die Linke, und die Grünen scheinbar noch mehr. Das liegt unter anderem daran, dass diese Parteien mit moralisch motiviertem Verzicht und Selbstaufopferung assoziiert werden. Linke Organisationen wie Gewerkschaften und Parteien funktionieren aber nicht durch Verzicht, sondern durch Eroberung: Leute bündeln ihre Macht, und
nehmen sich was sie wollen. Dagegen haben Rechte nichts auszusetzen. Sie wählen die AfD, weil diese ihnen nichts anderes verspricht. Sie hassen die Linke und die Grünen, weil diese aufgrund linker und linksliberaler Kultur (auch) den Eindruck vermitteln, dass wir uns zurücknehmen sollten, und somit alle, die dies nicht tun, implizit moralisch verurteilt werden.
Durch individuellen Verzicht gutes bewirken zu wollen ist absolut unproblematisch. Problematisch wird es erst, wenn dieser Verzicht zu einem signifikanten oder gar dominanten Teil unserer Kultur wird. Hier stehen die Schadensminimierung durch Selbstaufopferung und die politische Organisierung zwecks Eroberung faktisch in Konkurrenz zu einander. Ich plädiere also dafür, die Rolle des Verzichts und der Selbstaufopferung in der linken Selbstdarstellung zu minimieren. Oder um es mit den Worten des Genossen Jesus zu sagen:
Wenn du aber Almosen gibst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen ist.
– Matthäus 6:3