
Die historische Spannung zwischen dem Anarchismus und den meisten Formen des Marxismus wird oft auf eine einfache Binärformel reduziert: diejenigen, die den Staat sofort abschaffen wollen, und diejenigen, die ihn als Übergangsinstrument nutzen möchten. Diese Gegenüberstellung von „pro-Staat“ versus „anti-Staat“ ist jedoch grundlegend irreführend. Sie stellt einen kommunikativen Zusammenbruch dar, in dem das Wort „Staat“ weniger als Beschreibung der Realität fungiert, sondern vielmehr als Projektionsfläche für ideologische Vorstellungen. Um diesen Bruch zu verstehen, wir müssen wir zunächst begreifen, wie den Begriff des „Staats“ von den jeweiligen Traditionen konstruiert wird.
Der Definitions-Patt
Das Haupthindernis für eine einheitliche revolutionäre Theorie besteht darin, dass Anarchisten und Marxisten dasselbe Wort verwenden, um unterschiedliche Sachen zu beschreiben.
Für den Anarchisten ist der „Staat“
durch Herrschaft definiert – eine sich selbst erhaltende und auf Zwang basierende Hierarchie. Michail Bakunin hielt diese Auffassung in
Staatlichkeit und Anarchie fest:
Solange es einen Staat gibt, muß es auch Herrschaft geben und folglich auch Sklaverei; ein Staat ohne offene oder verborgene Sklaverei ist undenkbar – das ist der Grund, weshalb wir Feinde des Staates sind.
Indem der Anarchist „Sklaverei“ (d. h. Herrschaft) als ein
wesentliches funktionales Merkmal des Staates postuliert, schließt er die Möglichkeit eines herrschaftsfreien Staates per Definition aus. In dieser Ansicht mag eine Institution zwar zahlreiche Merkmale aufweisen, die typischerweise mit Staatlichkeit assoziiert werden – sowohl in ihren Zielen als auch in der konkreten Art und Weise, wie diese Ziele verfolgt werden –, doch wird ihr das Etikett „Staat“ verweigert, solange sie keine Herrschaft darstellt.
Im Gegensatz dazu definieren Marxisten den Staat als ein
Instrument, mit dem Klassen Zwang gegen einander ausüben, unabhängig davon, wie er intern strukturiert ist, welche Klasse an der Macht ist, und welche Produktionsverhältnisse durchgesetzt werden. Anarchisten und Marxisten sind sich einig, dass der Sozialismus gegen reaktionäre Kräfte verteidigt werden muss; der Marxist betrachtet diesen Akt des
Zwangs jedoch selbst bereits als funktionale Konstituierung eines „Staates“, unabhängig davon, ob er im anarchistischen Sinne eine „Herrschaft“ darstellt. Aus marxistischer Sicht ist eine anarchistische Miliz, die den Sozialismus zu verteidigen versucht, ein „Staat“ unter anderem Namen.
Bemerkenswerterweise nähert sich Lenin gelegentlich einer anarchistischen Staatsauffassung an, wie in diesem Abschnitt aus
Staat und Revolution:
Beim Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus ist die Unterdrückung noch notwendig, aber es ist das bereits eine Unterdrückung der Minderheit der Ausbeuter durch die Mehrheit der Ausgebeuteten. Ein besonderer Apparat, eine besondere Maschine zur Unterdrückung, ein „Staat“ ist noch notwendig, aber es ist das bereits ein Übergangsstaat, kein Staat im eigentlichen Sinne mehr
Das Absterben der Verständlichkeit
Die marxistische Definition des „Staates“ führt zu einer der verwirrendsten und praktisch nutzlosesten Behauptungen der sozialistischen Theorie: dem „Absterben des Staates“. Wenn der „Staat“ lediglich als der spezialisierte Apparat der Klassenherrschaft definiert wird, dann
muss der Staat per Definition aufhören zu existieren, sobald die Klassen abgeschafft sind.
Das Problem besteht darin, dass real existierende Staaten nicht monofunktional sind. Eine Polizei dient beispielsweise als Instrument der Klassenherrschaft, erfüllt aber auch die zweite, kritische Funktion des Umgangs mit antisozialem Verhalten – Gewalt, Diebstahl, etc. –, das auch ohne Klassenkampf fortbesteht. Indem Marxisten darauf beharren, dass der Staat
nur Klassenherrschaft sei, suggerieren sie dem beiläufigen Beobachter (und vielleicht sich selbst), dass die institutionelle
Form, welche diese
und andere Funktionen erfüllt, im Sozialismus notwendigerweise aufhören würde zu existieren.
Dies macht den Diskurs für jeden unverständlich, der an der Praktikabilität einer stabilen Gesellschaft interessiert ist. Zu sagen, „der Staat wird absterben“, ohne zu erklären, was mit der Sozialtechnologie des internen Gewaltmonopols geschieht, bedeutet, eine Änderung von Definitionen mit einer Änderung der Realität zu verwechseln. Es verschleiert die Tatsache, dass selbst in einer klassenlosen Gesellschaft viele Marxisten wahrscheinlich Institutionen befürworten würden, die jeder „Normalbürger“ als Staat identifizieren würde.
Von Abstraktionen zu Mechanismen
Wenn wir diese abstrakten Etiketten abstreifen, stellen wir fest, dass sich die Debatten in Wahrheit um den Nutzen und die Gefahren von
Sozialtechnologien drehen. Damit meinen wir die spezifischen Werkzeuge, Organisationsprotokolle und institutionellen Formen, die zur Lösung von Problemen der gesellschaftlichen Koordination und Verteidigung eingesetzt werden. Anstatt darüber zu streiten, ob der „Staat“ existieren sollte oder würde – eine Frage, die meist nur als Stellvertreter für die Frage dient: „Wessen Wörterbuch benutzen wir?“ –, müssen wir diese spezifischen Technologien auf der Grundlage ihres funktionalen Nutzens und der damit verbundenen Risiken bewerten.
1. Verwaltungsmechanismen
Kritiker traditioneller gewählter Repräsentation argumentieren, dass
freie Mandate – bei denen Repräsentanten nicht an spezifische Wähleranweisungen gebunden sind – dazu neigen, eine professionelle politische Klasse herauszubilden. Es ist jedoch eine Sache, eine Gefahr in diesem Mechanismus zu identifizieren, und eine ganz andere, zu behaupten, dass er
notwendigerweise zu Herrschaft führt, unabhängig vom Kontext und der genauen Umsetzung. Dennoch bevorzugen viele Sozialisten
imperative Mandate (Delegierte, die an strikte Anweisungen gebunden sind und dem sofortigen Rückruf unterliegen) oder das
Losverfahren (Sortition), um sicherzustellen, dass Regierungsführung eine gemeinschaftliche Pflicht bleibt und kein spezialisierter Karriereweg wird.
2. Das interne Gewaltmonopol
Eine Polizei mit formal privilegiertem Zugang zu Gewalt dient als mächtiges Instrument der Ordnung, aber ihre Gefahr liegt in der Herausbildung einer permanenten bewaffneten Kaste, die grundlegend von der Bevölkerung getrennt ist. Die anarchistische Kritik identifiziert dieses Gewaltmonopol zurecht als potenziellen Keim der Herrschaft. Wie ich jedoch in meinem Artikel
Gegen den Staat? dargelegt habe, kann die strategische Implementierung eines privilegierten Amtes – etwa einer Moderation – manchmal genau die Maßnahme sein, die die Gesamtherrschaft minimiert. Wie oben erwähnt, werden insbesondere Marxisten diese Sozialtechnologie wahrscheinlich weiter unterstützen, nachdem ihre „primäre“ Funktion der Klassenherrschaft obsolet geworden ist.
Umgekehrt erfordern weder die Funktion des Umgangs mit antisozialem Verhalten noch die Funktion der Klassenherrschaft zwingend formal privilegierte Ämter. Diese Funktionen können auf freiwilliger Basis erfüllt werden, ähnlich wie alle anderen Berufe. So wie der Bäcker die Funktion des Brotbackens erfüllt, ohne ein formales Monopol darauf zu haben, kann die Verteidigung der Gemeinschaft oder der Umgang mit antisozialem Verhalten als sozialer
Dienst und nicht als hoheitliches
Recht behandelt werden.
3. Integration vs. Autonomie
Während Anarchisten oft das „Sicherheitsventil“ der Sezession als Garant der Freiheit verfechten, markiert das tatsächliche Ausmaß, in dem Autonomie gewährt wird, den fundamentalen Unterschied zwischen dem sozialistischen (oder „wahren“) Anarchismus und seinen rechtsgerichteten Verzerrungen. Kein sozialistischer Anarchist hält an einem bedingungslosen Recht auf individuelle Sezession fest; täte er dies, wäre das Projekt der Vergesellschaftung der Produktionsmittel unmöglich. Indem der sozialistische Anarchist fordert, dass der kollektiv betriebene Arbeitsplatz kollektiv verwaltet wird, schränkt er die individuelle Autonomie inhärent ein und erkennt an, dass „freiwillige Vereinigung“ nicht das Recht eines Privateigentümers einschließen kann, der Gemeinschaft kritische Ressourcen vorzuenthalten.
In diesem Licht wird das anarchistische „Sicherheitsventil“ der Sezession zu einer Frage des Grades und nicht zu einem kategorischen Recht. Wenn das Recht auf Sezession auf der Ebene des Arbeitsplatzes oder der Region bedingungslos ist, kann eine Genossenschaft oder eine Regionalverwaltung im Besitz einer kritischen Ressource sich einfach gegen die übergeordnete demokratische Verwaltung entscheiden. Indem diese abgespaltenen Einheiten lebenswichtige Infrastruktur vorenthalten und Austauschbedingungen von einer „souveränen“ Position aus diktieren, würden sie den Rest der Gesellschaft in ein verhandlungsbasiertes Paradigma der „internationalen Beziehungen“ zwingen. Dies bereitet den Boden für die Wiederherstellung von Marktbeziehungen und Ausbeutung unter dem Deckmantel der Autonomie – analog zum Anarchokapitalismus, aber in größerem Maßstab.
Die Kybernetik bietet einen anspruchsvollen technischen Rahmen für diese Kritik.
Wie Tom O'Brien argumentiert, erfordert die Eliminierung kapitalistischer Dynamiken eine hohe systemische Integration, um die „Varietät“ (Komplexität) einer modernen Wirtschaft zu bewältigen. In einem komplexen, interdependenten System könnte die
totale Autonomie eines einzelnen Knotenpunkts den gesamten Stoffwechselprozess der Gesellschaft destabilisieren. Doch
zu wenig Autonomie kann ebenso verheerend sein. Kybernetische Lebensfähigkeit erfordert
begrenzte Autonomie: den lokalen Einheiten die Freiheit zu geben, ihre eigene Varietät zu steuern, während sie gleichzeitig durch die Anforderungen des Gesamtsystems eingeschränkt bleiben. Eine übermäßig zentralisierte Entscheidungsfindung ist nicht nur ein Einfallstor für Herrschaft, sondern auch ein Rezept für den systemischen Zusammenbruch, da ein zentraler Knotenpunkt unmöglich die Komplexität verarbeiten kann, die für die Steuerung jeder lokalen Interaktion erforderlich ist.
Fazit
Die Überwindung des „pro-Staat/anti-Staat“-Rahmens ermöglicht es uns, die konkreten Herausforderungen der Revolution anzugehen. Indem wir den „Staat“ als einen
gleitenden Signifikanten begreifen – also als ein Wort, das keinen festen Inhalt besitzt, sondern je nach ideologischem Kontext mit unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt wird, (z.B. "Freiheit") –, können wir uns auf die eigentliche Arbeit konzentrieren: die Bewertung von Sozialtechnologien. Wie Rodrigo Nunes in
Neither Vertical nor Horizontal: A Theory of Political Organisation argumentiert:
In dem Moment, in dem Leute beginnen zusammenzuarbeiten, sehen sie sich unweigerlich mit der doppelten Frage konfrontiert, wie sie das Beste aus ihrer kollektiven Handlungsfähigkeit machen und wie sie verhindern können, dass sich diese Macht gegen sie selbst richtet... Ein aufrechter Verfechter der Vertikalität mag bereit sein, den Verlust an Partizipation zu riskieren, um die Fähigkeit zu sichern, schnell Entscheidungen zu treffen; ein ehrlicher Libertärer mag denken, dass ein Rückgang der Effektivität ein akzeptableres Wagnis ist, als die Entstehung einer informellen Hierarchie zuzulassen. Und doch sind es dieselben Zwänge, dieselben Grenzen, dieselben Schwellenwerte, dieselben Gefahren, dieselben Abwägungen – vor allem dieselben Abwägungen –, mit denen sie es zu tun haben. Eine der wichtigsten Funktionen, die eine Theorie der politischen Organisation erfüllen kann, besteht genau darin, zu klären, was diese Abwägungen sind.
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