Dieser Beitrag befasst sich mit der Frage, ob man Leuten kategorisch davon abraten sollte, Bulle zu werden. Viele linke bejahen diese Frage mit der Begründung, die Polizei würde mehr schaden als nutzen, aber dieses Argument ist unschlüssig.
In seinem Buch
Bullshit Jobs berichtet David Graeber von Arbeiter:innen, die in einer von ihm durchgeführten Umfrage angaben, ihren eigenen Job als nutzlos und teilweise sogar aktiv schädlich einzuschätzen. Zu letzterem zählten z.B. Firmenanwält:innen, Lobbyist:innen und PR-Expert:innen. Warum arbeiten diese Leute da? Die Antwort ist einfach: Sie brauchen einen Job und es gibt nicht genug gute Jobs.
Im Kapitalismus gibt es
nie genug Jobs für alle, von
guten Jobs ganz zu schweigen. Neoklassische Ökonom:innen reden von einer
natürlichen Arbeitslosenquote, Marxist:innen von der
industriellen Reservearmee. Die Behauptung, niemand müsse Bulle sein, ist somit vergleichbar irreführend wie die Behauptung, niemand müsse arbeitslos sein. Zugegeben: Man
kann theoretisch darauf verzichten Bulle zu sein, aber wenn sich alle stur daran halten bis es tatsächlich
weniger Bullen gibt, dann nur indem es
umso mehr Arbeitslose gibt. Der Arbeitsmarkt ist ein Spiel
Reise nach Jerusalem, bei dem Verlierer:innen und ihre finanziell Abhängigen ins Elend oder gar den Tod gestürzt werden.
An dieser Stelle dürfte eine kritische Leser:in noch nicht von meiner These überzeugt sein. Es mag zwar unwahrscheinlich sein, dass ein kategorisches Abraten vom Bullesein die Anzahl der Bullen reduziert, und wenn, dann nur indem die Zahl der Arbeitslosen steigt, aber das ist an sich noch kein Argument
gegen das Abraten. Oder vielleicht wird dieser Beitrag in einer Zukunft gelesen, in der wir eine
Jobgarantie eingeführt haben, welche mein Argument völlig entkräftigt. Daher komme ich nun zu einem noch stärkeren Argument.
𝔧𝔢𝔪𝔞𝔫𝔡 𝔴𝔦𝔩𝔩 𝔟𝔲𝔩𝔩𝔢 𝔰𝔢𝔦𝔫
Bisher haben wir die Bevölkerung implizit als homogene, unpolitische Masse behandelt, aber dies könnte nicht ferner von der Wahrheit sein. Leute haben teilweise sehr unterschiedliche politische Ziele, was dazu führt, dass viele Gebiete wie die Regierung oder auch die Polizei hoch umkämpft sind. Nicht um Stellen auf diesen Gebieten zu kämpfen führt nicht dazu, dass weniger Stellen gefüllt werden, geschweige denn dazu, dass die Institution als ganzes geschwächt wird, sondern dazu, dass mehr Stellen vom politischen Gegner gefüllt werden. Jede Stelle, die von einer:m Linken besetzt ist, ist eine Stelle, die
nicht von einer:m Rechten besetzt ist. Wenn Rechtsextreme bei der Polizei arbeiten, dann verbrennen sie Leute bei lebendigem Leibe. Wenn Rechtsextreme bei Netto arbeiten, dann nicht. Daher sollte man Leuten, insbesondere jenen mit einer kritischen Einstellung zur Polizei,
nicht davon abraten, Bulle zu werden.
Sonstiges & Fazit
Obwohl die Aussichten mager sind, besteht doch eine höhere Wahrscheinlichkeit für Polizeireform, wenn die Kritik von
innen kommt (Siehe z.B. die
kritischen Polizisten). Diese wird von anderen Bullen, von Gesetzgeber:innen sowie von Außenstehenden tendenziell als glaubhafter wahrgenommen als Kritik, die von außen kommt.
Letztlich sollte nicht vergessen werden, dass eine linke Präsenz in der Polizei im Falle eines Generalstreiks potenziell massive Konsequenzen hätte. Ein mitstreiken auch nur eines teils der Polizei würde die Wirkung des restlichen Streiks potenzieren.
Eine Kritik der Lohnarbeit sowie des Staats darf nicht darin münden, die Beteiligung an der Polizei oder sonstigen schädlichen Jobs mit "Klassenverrat" o.ä. gleichzusetzen. Es geht um die
Struktur, nicht darum, wer welches Zahnrad in der Maschine ist. Überspitzt könnte ich verkünden, dass alle, die nicht in einer Genossenschaft arbeiten "Klassenverräter" sind. So wie jede gängige Auffassung "guter" (d.h. nicht "klassenverräterischer") Jobs umfasst meine
weniger Jobs als es Lohnabhängige gibt. Alle, die für einen Kapitalisten arbeiten, reproduzieren den kapitalistischen Betrieb; In dem Sinne sind sie "Klassenverräter". Aber auf den Beruf kommt es zum Glück nicht an, sondern darauf, ob du beim Generalstreik mitmachst.
Weiterführend
Hass auf Bullen sollte sich hiermit erübrigt haben, aber falls nicht: