Bis zum 19. April haben alle stimmberechtigten Kölnerinnen und Kölner noch die Möglichkeit, über die Beteiligung der Stadt Köln bei der Verbund-Bewerbung „KölnRheinRuhr“ für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, […]
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„Hol Olympia in dein Veedel“ – Hoffnungen und Sorgen von sozial engagierten Vereinen in KölnBis zum 19. April haben alle stimmberechtigten Kölnerinnen und Kölner noch die Möglichkeit, über die Beteiligung der Stadt Köln bei der Verbund-Bewerbung „KölnRheinRuhr“ für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 abzustimmen. Eine der Slogans der Pro-Olympia-Kampagne der Stadt lautet dieser Tage: „Hol Olympia in dein Veedel“. Damit erzeugt die Kampagne nicht nur Bilder von Tausenden Sportlern, Reportern und Touristen, die für das größte Sportfest der Welt nach Köln strömen würden. Damit verbunden ist das Versprechen, dass mit Olympia sehr Vieles sehr viel besser laufen würde in Köln: So verspricht die Kampagne u. a. etwa eine modernisierte Verkehrsinfrastruktur, schneller abgeschlossene Wohnungsbauprojekte, umfassend sanierte Sportstätten und die Förderung von Inklusion. Diese Versprechen erscheinen verheißungsvoll, wo Köln doch in genau diesen Bereichen so viele Probleme vor sich herschiebt und vieles (wenn überhaupt) mit nur erheblicher Verzögerung und Kostensteigerungen vorankommt. Olympia soll Köln also einen Milliardenregen an Förderungen bescheren und durch priorisierte Bauvorhaben vielerorts Blockaden lösen. (Mit diesen Versprechungen haben sich viele Medien und politische Akteure in Köln dieser Tage kritisch auseinandergesetzt, mehr dazu
hier.)
Doch was sagen Akteure, die sich in Köln ehrenamtlich für benachteiligte Menschen engagieren und keine große öffentliche Bühne haben? Was denken sie über Olympia und wie könnte Olympia ihr Engagement beeinflussen?In dem Verein
„Grenzenlos in Bewegung“ (GiB) engagieren sich ehemalige und aktive Studierende der Deutschen Sporthochschule Köln. Ziel des Vereins ist es, über den Sport Menschen zusammenzubringen und dabei insbesondere Geflüchteten Anschlussmöglichkeiten anzubieten. Hierfür organisiert GiB in ganz Köln Sportangebote für Kinder und Jugendliche, darunter auch in Geflüchtetenunterkünften. Der Verein sieht sich aber schon seit Jahren mit erheblichen Einschränkungen konfrontiert: Marode, gesperrte oder überbelegte Sportstätten oder fehlende Sportgeräte führen zu Warteschleifen, verworfenen Planungen oder abgesagten Kursen. Durch den Sanierungsstau und die fehlenden Kapazitäten kann GiB also weniger Sportangebote durchführen, als der Verein gerne anbieten würde.
Aus diesen Gründen begrüßt der Verein in einer
Stellungnahme die Olympia-Bewerbung. Die durch Olympia in Aussicht gestellten Sanierungen, Modernisierungen und vergrößerten Sportangebote unterstützt der Verein ausdrücklich. Doch GiB stellt auch Bedingungen: So fordert der Verein den Verzicht auf temporäre Olympia-Bauten und eine nachhaltige Nutzung aller geschaffenen Sportstätten. Zudem warnt der Verein vor einer möglichen Belastung sozialer Träger, die infolge der kommunalen Belastungen drohen könnte. Zu dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen von Olympia zählt der Verein aber auch gesellschaftliche Teilhabe „für marginalisierte Gruppen, wie Menschen mit Fluchterfahrung“. So sollten während der Spiele „angemessene Eintrittspreise ermöglicht und Programme zur vielfältigen Begegnung geschaffen“ werden. Es gelte auch, „proaktiv auf Vereine und Initiativen jeglicher gesellschaftlicher Gruppe zuzugehen“. Unter diesen Vorzeichen sieht „Grenzenlos in Bewegung“ in den Olympischen und Paralympischen Spielen eine Chance, den Breitensport und Ehrenamt in den Vordergrund zu rücken und somit langfristig dem Leitgedanken von „Zusammenhalt, Vielfalt und ,Sport für alle´“ zu verwirklichen.
Einen anderen Blickwinkel auf Olympia hat der Verein
„Obdachlose mit Zukunft“ (OMZ). Der Verein engagiert sich für obdachlose Menschen, führt Beratungen für Obdachlose durch, ermöglicht Zugang zu ärztlicher Versorgung und bietet Berufs- und Weiterbildung für Obdachlose an. Ziel des Vereins ist es dabei nicht nur, die konkrete Notlage der Menschen zu lindern, sondern auch auf Veränderungen auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene hinzuwirken, wie etwa einen besseren Mieterschutz oder die Ausweitung und Akzeptanz von Housing-First-Projekten, mit dem langfristigen Ziel, „Obdachlosigkeit abzuschaffen“, wie es auf der Homepage des Vereins heißt.
Der Vereinsvorsitzende Kalle Gerigk betrachtet die Bewerbung für Olympia „mit Sorge“. Zum einen befürchtet er ähnliche Entwicklungen wie in Paris 2024, als viele Tausend Obdachlose, darunter auch Geflüchtete, aus dem Zentrum der Stadt verdrängt wurden. Dabei wurden zum Teil „Zeltlager aufgelöst oder Menschen in kurzfristige Unterkünfte außerhalb der Stadt gebracht, oft ohne langfristige Perspektive. Viele Betroffene verloren dadurch den Zugang zu bestehenden Hilfsstrukturen, sozialen Netzwerken und medizinischer Versorgung.“ Diese Praxis kritisierten Menschenrechtsorganisationen als „soziale Säuberung“. Aus seiner Sicht, so Gerigk, zeige das Beispiel Paris, „dass Großveranstaltungen wie Olympische Spiele den Druck auf ohnehin angespannte Wohnungsmärkte verstärken, dass Probleme wie Wohnungslosigkeit nicht gelöst, sondern lediglich aus dem Stadtbild verdrängt werden.“
So verschieden auch die Perspektiven von GiB und OMZ sein mögen, haben sie eines gemeinsam: Olympia darf benachteiligte Menschen nicht außen vor lassen oder gar verdrängen, sondern muss gesellschaftlich inklusiv gedacht und geplant werden. Inwieweit diese Hoffnungen und Erwartungen angesichts möglicher widerstrebender politischer Ziele berücksichtigt werden, muss im Falle eines Olympia-Zuschlags für KölnRheinRuhr kritisch beäugt werden.Siehe auch:
Olympia in Köln? Infos und Hintergründe zum Ratsbürgerentscheid