Das Königreich Ryūkyū stand in Tributbeziehung zum chinesischen Kaiserreich. Es empfing und beherbergte rund alle zwanzig Jahre (insgesamt 22 mal) eine rund 400 bis 500, im Extremfall bis 700-köpfige Gesandschaft vom chinesischen Kaiserhof, die zur Anerkennung eines neuen Königs nach Ryūkyū kam und jeweils mehrere Monate blieb. Während ihres Aufenthalts veranstaltete der Hof Festessen und Zeremonien – traditionell als „Sieben Bankette“ bezeichnet. Dazu gehörten etwa die Krönungszeremonie, das Investiturbankett, das Herbstfest, das Chrysanthemenfest und verschiedene Abschiedszeremonien. Bei diesen Veranstaltungen wurden verschiedenen Formen der Hofmusik, des Tanzes und später, ab 1719, Kumiodori (ein theatralisches Spiel, bei dem die Protagonisten monoton-lamentartig-poetisch ihre Gefühle rezitieren) eingesetzt.
Das war nicht einfach Unterhaltung: Die ryūkyūanische Regierung betrachtete die Bewirtung der chinesischen Gesandten als staatlich sehr wichtige Angelegenheit. Ein Tanz-Magistrat organisierte die musikalischen und tänzerischen Darbietungen.
Die Tänze umfassten nur aristokratische Rollen.
Alle Darsteller der höfischen klassischen Tänze waren Männer, auch bei der Tänzen, die stilisierte weibliche Figuren darstellen.
1879 wurden die feudalen Lehen abgeschafft, und das höfische System zerfiel. Die ehemaligen Hofkünstler verloren ihre wirtschaftliche Grundlage. Sie gingen in die neuen kommerziellen Theater von Naha und Umgebung und mussten ein Publikum gewinnen, das nicht mehr aus chinesischen Gesandten oder dem Königshof bestand.
Ein zahlendes Massenpublikum kennt statt dem höfischen Leben das bäuerliche und städtische Leben, und so wurden Volkslieder und Alltagsbräuche ins Repertoire aufgenommen, die von Liebesbeziehungen, Vergnügungsvierteln, FischerInnen, Bauern und Bauernmädchen usw. handeln.
Heute werden beide Traditionen (die höfische und und die volkstümliche) gemeinsam unterrichtet.
Die Professionalisierung weiblicher Tänzerinnen vollzog sich erst ab 1945, nach dem 2. Weltkrieg. In der Phase bis 1970 entstanden die ersten weiblichen Lehrmeisterinnen. In dieser Phase entwickelten sich auch die Schulen, die bis heute die Tanz-Ausbildung professionell organisieren.
Heute sind es mehrheitlich Frauen, die die Tradition des okinawaischen Tanzes erhalten. Es gibt aber nach wie vor Männer. Wir waren dieses Jahr rund 20 Männer von 87 Personen, die an der Prüfung teilnahmen.
Alle Geschlechter lernen alle Tänze, und führen auch alle Tänze auf. Frauentanz beispielsweise bedeutet nicht „Tanz, den die Frauen tanzen“, sondern „Tanz in weiblicher Rolle bzw. weiblicher Bewegungssprache“, ist also eine Rollen- und Bewegungskategorie. Dasselbe beim Männertanz. Das macht die Ausbildung in okinawaischem Tanz so spannend: Man lernt vier Formsprachen (männlich-höfisch, weiblich-höfisch, männlich-volkstümlich und weiblich-volkstümlich). Jeder Tanz ist einem dieser Formsprachen zugewiesen. Wechselt man den Tanz, wechselt man die Formsprache. Daraus ergibt sich die besondere Herausforderung, alle diese vier Rollen voll und ganz verinnerlichen, verstehen, verkörpern und auf Abruf zwischen ihnen wechseln zu können. Am selben Prüfungstag tanzte ich beispielsweise einen männlich-höfischen und einen weiblich-höfischen Tanz.
Ich hab die Tanzprüfung, die am 15. August stattfand, leider nicht bestanden. Aber es gibt ja ein nächstes oder übernächstes Jahr!
Für die Erfahrungen während unzähliger Prüfungsvorbereitungstrainings und der Prüfung selbt bin ich sehr dankbar. Aus europäischer Sicht ist sowas kaum vorstellbar. Als KandidatIn wird man während dieser Zeit begleitet von, nicht übertrieben, zehn Personen: der Meisterin, fünf weiteren LehrerInnen und von den Senpai (anderen SchülerInnen, die die Prüfung in vorherigen Jahren schon bestanden haben). Ein Prüfungsvorbereitungstraining dauerte zwischen drei und elf Stunden. Davon gab es mehr als zwanzig. Die Begleitung am Prüfungstag selbst begann um halb sechs am Morgen und dauerte bis um acht Uhr am Abend. Mein Unterstütungsteam machte dies drei Tage hintereindander durch, weil wir vier KandidatInnen von der Schule meiner Meisterin auf alle drei Prüfungstage verteilt waren.
Die fünf LehrerInnen und vier Senpai gehen alle einem geregelten Berufsleben nach. Die Präsenzzeiten an den Prüfungsvorbereitungstrainings und der Prüfung haben sie diesem abgerungen. Einer der Lehrer schob seine Arbeitsschichten dafür auf die Nacht. Er hatte nie Pausen und schlief kaum.
Die Höhe der Vergügung für diese Leistung ist geregelt. Die Meisterin erhielt für die Vorbereitungszeit von rund vier Monaten eine vergleichsweise kleine Summe von jedem Kandidaten, und am Prüfungstag nochmals einen Betrag. Die Lehrerin, die mich am Prüfungstag schminkte, erhielt dafür ein Honorar, genauso wie die Lehrerin, die mir an diesem Tag die Haare und die Kostüme richtete. Das ist alles. Alle anderen machen das ehrenamtlich. Dieses Engagement für den Nachwuchs ist Teil der Kultur.
Auch wenn es Teil der Kultur ist, nahm ich dieses getragen Werden von zehn Personen nie als selbstverständlich oder geschenkt wahr. Das geht gar nicht. Ich bin allen von tiefstem Herzen dankbar. Die kümmernde volle Aufmerksamkeit ist andauernd auf mich gerichtet, Nachlässigkeit oder gar Gleichgültigkeit gibt es nicht. Wenn die Meisterin oder einE der LehrerInnen sich gerade um eineN andereN KandidatIn kümmert, ist garantiert jemand anderes da, der dir Tipps zur Verbesserung gibt, dich beim Üben aufmerksam begleitet, dir die Bewegungen vormacht. Bewegungen, die alle bis ins Detail bewusst ausgeführt sein sollen, sogar der Augen. Die festgelegten Winkel sollen alle sitzen: Körperhaltung, Kopfneigung, Ausrichtung von Kopf, Körper und Hände, der Grad der Faltung der Hüft-, Knie-, Fuss-, Arm- und Handgelenke, die Gruppierung der Finger. Die langsamen Bewegungen sollen alle zum richtigen Zeitpunkt der Musik erfolgen. Das Anlegen des Kostüms und das Schminken dauert pro Tanz mehr als eine Stunde. Während dieser Zeit bist du von rund drei bis fünf Personen umkreist, die ununterbrochen an deinem Aussehen arbeiten. Weil die Prüfung sehr viel von einem abverlangt (körperlich, konzentrationsmässig und psychologisch), schauen alle, dass du dich am Prüfungstag möglichst entspannen kannst, genug zu trinken hast etc. Die Prüfung beinhaltet zwei Tänze. der Frauentanz dauert acht Minuten und der Männertanz fünf Minuten.
Es gab eine neunköpfige Jury, die mit meist jüngeren MeisterInnen zusammengesetzt war, und von denen die meisten auch das erste Mal juriert haben. Sie liessen von 87 TeilnehmerInnen 26 durchfallen. Leute um mich herum sagen, es sei eine strenge Jury gewesen. Meine Meisterin, und alle weiteren LehrerInnen um mich herum, die sich auskennen, waren vom negativen Bescheid überrascht. Meine Meisterin hat sich inzwischen bei Jurymitgliedern erkundigt, was bei meiner Leistung nicht gut genug war. Ich werde es in den nächsten Trainings dann von ihr hören. Was auf jeden Fall klar ist: Der Männertanz wäre kräftiger und ausdruckstarker gewesen, wenn ich über eine längere Zeit trainiert hätte. Der Frauentanz war gut. Es wird empfohlen resp. davon ausgegangen, dass man drei Jahre trainiert hat, bevor man an der Prüfung teilnimmt. Ich trainiere erst seit letztem November. Auch starteten die Prüfungsvorbereitungstrainings bei der Meisterin dieses Jahr erst im Mai, ein Monat später als sonst.
Eine Woche nach der Prüfung durfte ich am diesjährigen Sommerfest von Shioya zwei Lieder singen. Ich wählte Lieder aus, die ich noch nie vor Publikum gesungen habe, und die ich entsprechend intensiv üben musste, in der Woche zwischen Prüfung und Auftritt. Vor allem musste ich die Liedtexte auswendig lernen. Und so habe ich nun mein Repertoire um zwei Lieder erweitert! Das mache ich meistens so bei einem Auftritt, wo ich die Lieder selbst auswählen kann: Ich nutze dies als Herausforderung.
Und seither sind wieder fünf Tage vergangen. Die Erschöpfung von der Tanzprüfung ist abeschwellt. Morgen tanzen wir wieder Eisa am jährlichen Obon-Ritual von Henna. Ich übe mit allen jeden Abend, seit ich die Tanzprüfung hinter mir habe. Diese Woche ist mal wieder ein Taifun über Okinawa gezogen, der sechste dieses Jahr. Das bedeutet in der Regel, zwei Tage drinnen auszuharren. Ein Eisa-Training mussten wir deshalb aussetzen. Da wir beim Tanzen gleichzeitig singen, muss ich die Liedtexte noch besser üben. Letztes Jahr war ich ja das erste Mal dabei. Das Ereignis hat als einer der schönsten Momente in meinem Leben in meinem Gedächtnis seinen festen Platz.
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