https://www.revolver-film.com/gegenproduktion-in-einer-gefaehrdeten-welt/GEGENPRODUKTION IN EINER GEFÄHRDETEN WELT
Alexander Kluge, Bauchtanz, Udo Jürgens – Ein alter Text und neue Anmerkungen zum Thema „Kantine und Eigensinn“.
Von Claus Philipp.


„Sein Tod trifft mich in einer Zeit, in der wir ihn mehr als je bräuchten in all seinen aktiven Jahren. Seine Formel ,die Unheimlichkeit der Zeit‘ war nie so deutlich lesbar wie heute. Wir leben in einer zerrissenen Welt. Unter dem Namen Dark Enlightenment sammelt sich im Osten der USA dunkle Spiritualität. Er hat immer gesagt: Das müssen wir beantworten. Die Theorie und Philosophie muss in ihre Werkstätten zurück. Dafür hätten wir ihn dringend gebraucht. Sein Tod erfüllt mich mit Verwirrung und Trauer. Andererseits bin ich mir sicher, dass das, was er an Verlässlichkeit ausstrahlte und was in seinem Riesenwerk (…) einen ungeheuren Schatz hinterlässt, von uns angeeignet werden muss. Ich glaube nicht, dass er uns Mutlosigkeit und Hoffnungslosigkeit vorschlägt. Vielmehr geht es um Gegenproduktion in einer gefährdeten Welt.“
Es fällt schwer, in Alexander Kluges kurzem Nachruf auf Jürgen Habermas am 14. März 2025 nicht auch die Vorahnung des eigenen Ablebens, nur wenige Tage später, am 25. März 2025 mitzulesen. Die Frage, was denn nun mit seinem Riesenwerk geschehen werde, das er, auch und gerade in seinen letzten Jahren noch um eine kaum überschaubare Anzahl an Kurzfilmen und Publikationen erweitert hatte, beschäftigte ihn ersichtlich schon seit Jahren. Beständig arbeitete er an Netzwerken über das absehbare Ende hinaus.
Es ist nämlich „ein Irrtum, dass die Toten tot sind“. Wir müssen sie weiterlesen. Weil, so Kluge 1995, in seiner Totenrede auf Heiner Müller im Berliner Ensemble, „die Lebenden nur die eine Hälfte des Wirklichen sind“. Kluge würdigte damals auch Müllers Mitarbeiter und Wegbegleiterinnen: „Sie haben hier im Haus etwas sehr Lebendiges getan. Sie haben 17 Tage lang Texte von ihm vorgelesen aufgeführt. Ungeachtet dessen, dass dem schnelllebigen Metier das schon eigentlich zu lang ist, haben Sie hier etwas getan, was wirklich mit ihm zu tun hat. Man kann dies nicht eigentlich nicht einen Abschied nennen, sondern eine schöne Form des Kennenlernens.“
Davon zu berichten, wie dieses Kennenlernen funktionieren kann, scheint mir heute – während bis dato nach den obligaten Nachrufen die großen, lebendigen Kluge-Auseinandersetzungen noch auf sich warten lassen – ermutigend. Ursprünglich habe ich die folgenden Zeilen für
Theater der Zeit als Beitrag zur Arbeit mit beeinträchtigten SchauspielerInnen geschrieben, aber, so Kluge einmal in einem unserer Telefongespräche: „Es ist alles eine Frage des Zusammenhangs. Wenn ich einen Text an eine andere Stelle, in einen anderen Zusammenhang rücke, ist dieser Text neu. Deswegen sind für mich auch ,Nachrichten‘ aus der Antike immer aktuell. Denken Sie nur an Heiner Müllers legendäre
Wallenstein-Bearbeitung: Eigentlich hat er da nur ein paar Sätze verändert. Aber plötzlich war es ,sein‘ Text, völlig neu.“
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In Alexander Kluges Film DIE ARTISTEN IN DER ZIRKUSKUPPEL: RATLOS (1968), erzählt der Zirkus-Revolutionär Manfred Peickert: „Ich sage: Herr Direktor, könnte man die Elefanten in die Zirkuskuppel hieven? Der Direktor sagt: Selbstverständlich. Ich habe bloß Bedenken, ob die Konstruktion hält. Ich sage: Aber Sie müssen doch zugeben, es wäre etwas völlig Neues. Direktor: Wieso Neues? Ich finde es seltsam und sehr irrational. Ich sage: es muss irgendetwas platzen, wenn die Elefanten mit einem Ballon hochgezogen werden. Der Direktor sagt: Das ist mir alles zu irrational. Ich sage: Es bringt ein starkes Gefühl.“
Ein starkes Gefühl stand auch am Beginn der Arbeit an Jan-Christoph Gockels Inszenierung WER IMMER HOFFT, STIRBT SINGEND an den Münchner Kammerspielen. Sehr spontan ergab sich im Spätherbst 2020 – wir hatten in Wien gerade gemeinsam eine Feier zum 10. Todestag von Christoph Schlingensief begangen – der Plan, bis zum 90. Geburtstag von Alexander Kluge im Februar 2022 entlang von Texten und Motiven des Autors, Film- und TV-Machers eine „Reparatur einer Revue“ zu kreieren. Schnell kam nach einem ersten Jahr fortgesetzter, die Zukunft auch des Theaters bedrohlich verdunkelnder Corona-Lockdowns der Begriff „Reparaturbedarf“ ins Spiel. Uns interessierte das Prinzip Hoffnung im Werk Alexander Kluges: eine Hoffnung auf Auswege, selbst wenn „glückliche Umstände“ nur „leihweise“ zu haben sind.
Eineinhalb Jahre durften wir uns also bis zur Premiere 2022 an den Kammerspielen mit der Frage auseinandersetzen, ob „die Konstruktion“ Theater „in Gefahr und höchster Not“ (noch) „hält“. Dinge zu reparieren, das heiße auch, sie besser verstehen zu lernen, schreibt der US-Soziologe und Kulturphilosoph Richard Sennett. Wir versuchten, immer entlang unzähliger Texte und Motive von Alexander Kluge, zu verstehen, was etwa ukrainische Trapezartisten im Zirkus Krone umtreibt und ob man mit dem Löwenkot, den der Zirkus verkauft, wirklich Wildtiere vom Garten fernhalten kann. Wir untersuchten den Mechanismus einer alten Popcorn-Maschine aus dem Theaterfundus. Wir spielten mit alten und neuen Puppen. Die Tischler bauten uns einen neuen „alten“ Zirkuswaggon. Wir lasen gemeinsam das „Märchen vom eigensinnigen Kind“ und fragten uns, ob man die dünnen Ärmchen des Eigensinns wirklich mit einer Rute zurück ins Grab schlagen muss. Wir versuchten nachzuvollziehen, was Alexander Kluge meinte, als er schrieb: „Die Künstler sind die Entdecker der Wirklichkeit. Sie sind Ausgräber. Eine Tagesschau-Sprecherin kann nicht anfangen zu singen und deshalb Teile ihres Seelenlebens nicht ausdrücken.“
Überhaupt: Wer kann was, und was nicht… „Genie“, so Kluge, „ist die Fähigkeit, sich unendlich Mühe zu geben.“ Sich Mühe geben: Was heißt das zum Beispiel in einem „inklusiven“ Ensemble wie jenem der Kammerspiele, im Dialog zwischen – und das meine ich für ALLE Beteiligten – jeweils sehr individuell „Beeinträchtigten“? Sehr schnell stellte sich heraus, dass in dieser „Gurkentruppe“ etwa ein zu intellektueller Übererfüllung neigender Dramaturg genauso „crazy“ war wie ein Schauspieler mit „Behinderung“, der bei der Sichtung von Kluges Filmen und TV-Magazinen regelmäßig verlässlich nach wenigen Minuten einschlief, um nachher ebenso verlässlich die Hand zu heben: „Ich hätte hier drei Fragen…!“
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Im April 2021 etwa, gegen Ende eines ersten vorbereitenden Workshops – wir sichteten Filme und TV-Gespräche von Kluge, entwickelten erste Zirkus-Nummern – bestand Dennis Fell-Hernandez darauf, die liebgewordenen nachmittäglichen Auflockerungsübungen mit einer Bauchtanz-Einlage zu veredeln. Dennis lebt mit Trisomie 21, er ist seit 2020 fixes Ensemblemitglied der Kammerspiele, Heiner Müller zum Beispiel hat er intus wie kaum einer, seit er an der „Freien Bühne München“ HAMLETMASCHINE gespielt hat. „Ich stand an der Küste, und redete mit der Brandung BLABLA“: Das rezitierte er im Workshop ebenso unvergleichlich wie Passagen aus Walt Disneys „König der Löwen“, und: er ist halt ein großer Bauchtanz-Afficionado. Um uns dies zu zeigen, hatte Dennis einen roten, orientalischen Rock mitgebracht, er legte sich zu entsprechenden Dance-Beats mächtig ins Zeug, es war verwirrend, betörend, fantastisch – bis drei Damen den Proberaum betraten.
Diese Damen waren uns angekündigt worden als Sachbearbeiterinnen aus dem Münchner Kulturamt. Es ging bei ihrem Besuch, wenn ich es denn richtig erinnere, um die Frage, ob die Münchner Kammerspiele weiterhin eine Sonderförderung für ihre Pioniertätigkeit in Sachen Inklusion erhalten. Und dafür war ja unser Workshop, bei dem wir mehreren „disabled“ Ensemblemitgliedern Alexander Kluge, die Frankfurter Schule, Arbeit mit Stabpuppen und Marionetten nahebringen wollten, eine exemplarische Vorzeige-Situation. Nur: War das jetzt tatsächlich der richtige Zeitpunkt für einen Kontrollbesuch? Dennis tanzte Bauch, die Beats wummerten, die drei Damen setzten sich an den Bühnenrand – und in der zuerst überaus gut gelaunten Workshop-Truppe machte sich unausgesprochen eine Ahnung breit, dass hier gerade ein VÖLLIG FALSCHES BILD am Entstehen sei; dass wir einer (Über-)Prüfung nicht standhalten würden. Wer erlöste uns in der allgemeinen Anspannung? Dennis hielt er inne und fragte: „Wollen die drei PRAKTIKANTINNEN auch mitmachen?“
Befreites, befreiendes Gelächter. Dennis hatte auch den Regisseur schon einmal als „sehr guten SCHAUSPIELASSISTENTEN“ gewürdigt. Es war wie ein erster Kommentar zu Alexander Kluge, der in einem Gespräch mit dem Kunstkurator Hans Ulrich Obrist einmal gesagt hat: „lch glaube nicht, dass wir isoliert und als Einzelne arbeiten sollten. Sondern dass wir unsere Eigenständigkeit, also auch unsere Widerspruchsfähigkeit, unseren Eigensinn am besten verwirklichen, wenn wir im Dialog sind. Dialog hat nicht zur Folge, dass ich meine eigenen Ansichten verflache, sondern dass sie überhaupt erst hervorgerufen werden.“ Dies gilt, könnte man hinzufügen, auch für Ansichten und Texte und Bilder, die man längst gesehen, gesprochen, gelesen zu haben glaubte.
Johanna Kappauf zum Beispiel sagte – bei einem ersten Vorstellungsgespräch, sie arbeitete damals noch mit anderen „Beeinträchtigten“ in einer Korbflechterei – auf die Frage, was sie in einem Zirkus am liebsten machen würde: Zwar sehe sie sehr schlecht, aber Seiltänzerin zu sein, das wäre ihr größter Traum. Tatsächlich ging sie am Ende von WER IMMER HOFFT, STIRBT SINGEND über ein in vier Meter Höhe quer über die gesamte Breite der Kammerspiele gespanntes Seil, und zwar rückwärts. Sie rezitiert dabei, als würde sie den Text am jeweiligen Abend immer neu erfinden, Walter Benjamins „Engel der Geschichte“. Zuvor musste sie, um das tun zu dürfen, diverse Sicherheits- und Höhenangst-Tests absolvieren. Jedes Mal muss sie in größter Distanz zur Souffleuse Text-Sicherheit beweisen. In jeder Aufführung sieht sie sich mit den Konsequenzen eines erfüllten Wunsches konfrontiert – und gibt ihn gleichzeitig als Option vorbildlich an das Publikum weiter. Noch lang nach der Aufführung kann man sich Benjamins Text ohne Johannas Stimme und ohne ihr Rückwärts-Tasten kaum noch vorstellen. Mittlerweile ist auch sie, prämiert mit dem Therese-Giehse-Preis, Ensemblemitglied.
Sind wir über uns hinausgewachsen? Mittlerweile ist das mit dem Wachsen zum Beispiel im Theater gar nicht mehr so einfach. In einer Szene sitzen Frangiskos Kakoulakis und Johanna Eiworth in der Kantine, und Frangiskos erzählt als Stuntman „Frangi“ in seiner einfachen Sprache folgende „urban legend“: „Es hatten Leute mal ein Krokodil in einem Aquarium. Da ist das Krokodil größer geworden, und die Leute haben es nicht in ein anderes Aquarium gesetzt, und es ist immer größer geworden und dann ist es viereckig gewachsen.“
Johanna als eigentlich tollkühne Raubtier-Dompteuse Diana verlässt da kurzfristig der Mut. Hatte sie, am ganzen Körper tätowiert, nicht alles getan, ihr eigenes Leben, ihre ganze Berufung in sich einzuschreiben? „Wir sind doch nicht viereckig gewachsen? Oder?“ Immerhin hat sie einen Ausweg schon in Aussicht gestellt: „Einen Übergang, zum Beispiel. Werkstätten, die sich ebenso darum bemühen, die Trennung zwischen den Künsten und den verschiedene Spielweisen aufzuheben. Es bleibt doch die Frage, ob am Ende vielleicht auch die Verwirrung ihren Platz in der Kunst verdient. Weil aus ihr heraus neue Zusammenhänge entstehen könnten.“
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Und Alexander Kluge? Mit der Bitte, dass man seine Texte nicht „verschauspielern“ möge, hatte er uns größte Freiheit gegeben und sich vom Probenprozess konsequent ferngehalten.
Die Premiere hat ihn sichtlich sehr bewegt, Johanna Kappaufs Tanz auf dem Benjamin-Seil etwa fand er „sinneskräftig“. Als auf der Bühne Udo Jürgens‘
Der Zirkus darf nicht sterben erklang, fragte er mich: „Von wem ist dieses wunderbare Lied?“ Anschließend befand er: Das Stück sei ein guter Beweis für seine These, dass man „die Leute einfach machen lassen soll, wenn sie aber bitte das machen, was sie am besten können“.
Ursprünglich wollte Kluge in weiterer Folge dann noch selbst mit einem Filmteam in weiteren Aufführungen von WER IMMER HOFFT, STIRBT SINGEND intervenieren, oder richtiger: „tangential zuarbeiten“. Aus diversen Gründen ist daraus nichts geworden. Aber zu unserem FAUST 1&2 (2024) im Schauspiel Frankfurt steuerte er noch einen Text über Philemon und Baucis für eine Installation im Pausenfoyer bei. Motto: „Am liebsten nähere ich mich dem Theater durch die Kantine und die Portierloge“. Und: Irgendwann, wir arbeiteten gerade an unserem siebenstündigen Schlachtfest WALLENSTEIN an den Münchner Kammerspielen, meldete sich Kluge – „Hallo, Meister!“ – völlig unvermutet mit dem Ansinnen, drei neue Filme beizusteuern. Tatsächlich ist einer dieser Filme in die Inszenierung hineingewachsen: Man sieht zu einem Orgelakkord von John Cage aus der Halberstädter St. Burchardi-Kirche den Söldnerführer Prigoschin, wie er durch die Weltläufte mutiert. „Gegenproduktion in einer gefährdeten Welt.“

Alexander Kluge mit Jan-Christoph Gockel (l.) und Michael Pietsch (r.). Alle Fotos: Claus Philipp privat.
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